Richtig Üben #2 – Wie lang sollte ein Lernabschnitt sein?

© Sofi photo - Shutterstock.comHallo Ihr Lieben,

heute geht es weiter mit meinen Erfahrungen und Tipps zum Thema Üben. Vielleicht enthält dieser Artikel sogar die wichtigste Aussage zum diesem Thema. Denn ich glaube, das allergrößte Problem beim Üben ist die Selbstüberschätzung der Fähigkeiten unseres Gehirns. Und damit verbunden die Wahl der Länge der Übeabschnitte und des Übetempos. Zudem ist der Fokus unserer Gedanken oft nicht bei einer bestimmten, zu übenden, Sache sondern bei vielem gleichzeitig und das funktioniert einfach nicht.

Die Lernpsychologie hält klare Empfehlungen bereit, nach denen wir uns richten können. Das betrifft einerseite die Menge an Infomationseinheiten (Chunks), die wir erfassen & uns merken können und andererseit die Länge der Speicherzeit unserers Arbeits- bzw Kurzzeitgedächtnisses. Die Frage ist natürlich, inwiefern diese Untersuchungen des kognitiven Lernens auf das Klavierspielen anwendbar ist, spielt hier doch die motorische Komponente eine große Rolle.

Welche Informationen müssen wir beim Lernen eines neuen Stückes verarbeiten?

Neben dem Spielen der richtigen Töne (Tonhöhe) sollten wir auch die Tonlänge (Rhythmus) korrekt wiedergeben. Wobei diese natürlich nicht absolut sondern relativ ist, und vom gewählten Tempo abhängt. Ständig präsent sollte der Tonvorrat der Tonart des zu lernenden Stückes sein, der sich in den Vorzeichen (Bs und oder Kreuze) bemerkbar macht.

Motorische Komponente wie das Bewusstsein, welcher Finger für welchen Ton zuständig ist (Fingersatz) und beispielsweise das Umsetzen der Hand in einen anderen Tonraum (Lagenwechsel) kommen hinzu. Ganz wichtig in diesem Zusammenhang ist auch das Thema Loslassen einer Taste. Entweder bei Pausen oder vor einer Tonwiederholung. Wird das Loslassen nicht bewusst geübt führt das oft dazu, dass es beim Vorspielen an einigen Stellen nicht pünktlich weitergeht.

Bei den meisten Stücken stehen beide Hände in zwei unterschiedlichen Notenschlüsseln und der Rhythmus beider Hände sollte nicht nur einzeln sondern auch im Zusammenklang verstanden werden. Merkt ihr etwas? Mit zwei Händen Klavier zu spielen ist eine überaus komplexe Angelegenheit. Ich glaube sogar, dass es bis zu einem bestimmten Grad an Erfahrung bzw „Können“ für die meisten Klavierspieler kaum machbar ist, die Tonhöhe und die Tonlänge einer einzelnen Hand gleichzeitig korrekt zu erfassen und wiederzugeben.

Lernen wir ein Klavierstück haben wir das Ziel, dass es irgendwann fast wie von selbst läuft. Das motorische Gedächtnis übernimmt diese Aufgabe dann zu einem großen Teil. Meiner Erfahrung nach ist es genau dieses motorische Gedächtnis, welches beim Vorspielen bei weitem nicht mehr so sicher ist wie es zu Hause schien. Plötzlich fangen wir an zu zweifeln, wissen nicht mehr wie es weitergeht und die Finger beginnen zu suchen.

Wenn die Motorik in dieser Situation unsicher sind, könnten wir uns mit guten Notenlesefähigkeiten oder dem abgespeicherten Wissen über das Stück helfen. So kann man im Moment des Vorspielens den Mangel an motorischem Fertigkeiten bis zu einem gewissen Grad ausgleichen. Aber eben nur bis zu einem gewissen Grad, denn Denken kostet Zeit. Je langsamer das Stück gespielt wird, um so besser funktioniert das.

Das Ziel sollte dennoch sein, das Stück so gut geübt zu haben, dass nicht nur das motorische Gedächtnis sicher funktioniert sondern auch so viel kognitives Wissen über ein Stück vorhanden ist, dass man sich beim Spielen so sicher fühlt, dass man schon versucht ist, die Kontrolle loszulassen und das Spielen zu genießen.

Welche Erkenntnisse hat denn aber nun die Lernpsychologie zusammengetragen?

Unser Kurzzeitgedächtnis kann 7 +/- 2 Chunks, also Infomationseinheiten erfassen und bis zu 18 Sekunden behalten. Chunks können einzelne Töne, aber auch uns bekannte Bausteine wie Dreiklänge, Tonleiterausschnitte oder leicht nachvollziehbare Sprünge wie Terzen oder Oktaven sein. Damit unser Gehirn diese Bausteine aus mehreren Tönen als eine Lerneinheit (Chunk) wahrnehmen kann, baucht es schon viel Notenlese- und Spielerfahrung. Auch den Finger sollte dieser Baustein bekannt vorkommen.

In den ersten Jahren des Klavierlernens gebe ich folgende Empfehlung für die Wahl der Übeabschnitte: 7 +/- zwei Töne. Je mehr Sprünge im Melodieverlauf, um so kürzer sollte der Abschnitt gewählt werden. In den meisten Fällen entspricht das einer Übeabschnitt-Länge von ein oder zwei Takten. Ein dreitaktiger Übeabschnitt macht aus musikalischen Gründen wenig Sinn. Fast alle Melodien folgen zwei oder viertaktigen Phrasen. Und denkt bitte daran, dass ein Takt auf dem ersten Pulsschlag des nächsten endet. Der erste Pulsschlag des folgenden Taktes sollte also unbedingt mitgeübt werden, sonst fehlt die Verbindung zwischen den Takten und das ist ein Garant für Denkpausen. Ich bezeichne diesen letzten Ton des Übeabschnittes als „Übergang“.

Hier die Aufteilung für die rechte Hand am Beispiel von den ersten beiden Zeilen aus „Be Happy“ (das Stück findet ihr in diesem Artikel). Die linke Hand kann man zeilenweise einzeln üben. Beim Zusammensetzen beider Hände nach zwei bis drei Tagen wieder zweitaktigen Übeabschnitte wählen.

Be Happy Übeabschnitte

Habt ihr jetzt eine Idee, warum es oft beim Vorspielen nicht klappt? Seid ihr euch der vielen Informationen wirklich bewusst? Und habt ihr der Hand durch eine ausreichende Anzahl von Wiederholungen überhaupt die Chance gegeben, ein motorisches Gedächtnis zu entwickeln? Dabei spielt es keine Rolle, wie leicht oder schwer euch der Abschnitt vorkommt. Auch leichte Abschnitte müssen ausreichend oft und zudem bewusst wiederholt werden, damit es irgendwann unbewusst geht.

  • Übeabschnitte mit einer Länge von 7 +/- 2 Tönen (entspricht ein oder zwei Takten) wählen.
  • Abschnitte lieber zu kurz als zu lang wählen – je kürzer der Abschnitt um so größer ist die Wahrscheinlichkeit, ihn fehlerfrei zu wiederholen (wichtig für das motorische Gedächtnis).
  • Bewusstes, langsames Wiederholen der Abschnitte. Üben geht nur mit Denken.
  • Nicht zu viele Wiederholungen! Wenn der Abschnitt 3 mal hintereinander sicher klappt, zum nächsten Abschnitt weitergehen. Lernen braucht Zeit und das Gelernte muss sich setzen.
  • Für ein sicheres motorisches Gedächtnis die Hände unbedingt zuerst einzeln und dann (wieder in Abschnitten) zusammen üben.
  • Das motorische Gedächtnis stellt sich erst nach einigen Tagen sicher ein. Bis dahin möglichst nicht das Stück durchspielen und ausprobieren, ob es schon klappt.

So, ganz schön theoretisch heute. Beim nächsten Mal wird es praktischer. Dann möchte ich euch eine Methode an die Hand geben, eine Melodie zu lernen.

Eure Sandra

 

Teil 1 dieser Reihe: Richtig Üben #1 – Warum üben so wichtig ist


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13 Gedanken zu „Richtig Üben #2 – Wie lang sollte ein Lernabschnitt sein?

    1. Sandra Beitragsautor

      Liebe Peggy,

      ich würde mich sehr freuen, wenn Du dann Deine Erfahrungen mit uns teilst.
      Ausnahmslos alle meine Schüler, die dieses Stück zeilenweise geübt haben (trotz meiner Empfehlung 😉 ) haben sich im dritten oder im vierten Takt einer Zeile verspielt. Zu Hause klappt es oft, aber beim Vorspielen merkt man eigentlich immer, wie ein Stück geübt wurde. 🙂

      Viele Grüße,
      Sandra

      Antworten
  1. Bianca

    Liebe Sandra,
    Danke für die Info. So hat es mir (39) mein Klavierlehrer noch nie erklärt. Eine Anschlussfrage hätte ich allerdings noch: du sagst, nach dreimaligem fehlerfreien Spielen zum nächsten Abschnitt gehen. Wie viele solcher Abschnitte sollte ich denn in einer Übungseinheit üben. Das heißt, wie lang sollte meine Übungszeit am Stück insgesamt sein, bevor mein Gehirn „überladen“ ist?
    Viele Grüße Bianca

    Antworten
    1. Sandra Beitragsautor

      Liebe Bianca,

      vielen Dank für Deinen Kommentar und die interessante Frage. Am Ende einer 45 minütigen Klavierstunde merke ich immer, wie wenig Konzentration bei meinen Schülern noch übrig ist. Ich würde fast sagen, mehr als 20 bis 25 Minuten am Stück macht nur Sinn, wenn man richtig fit und augeruht ist.

      Ich würde folgendes vorschlagen: lerne einen Abschnitt (dazu kommen noch Tipps in Teil 3 meiner Serie), dann den zweiten Abschnitt. Wiederhole den ersten Abschnitt und mache im Anschluss eine kleine Pause mit ein wenig Bewegung und schnappe etwas frische Luft. Wiederhole nach der Pause den zweiten Abschnitt und wenn Du dann noch fit bist, lerne einen dritten. Dann wiederhole den ersten, den zweiten und den dritten (nicht alle Abschnitte in einem durch!). Ich glaube, wenn das Stück ganz oder relativ neu ist, reicht das erst einmal. Am nächsten Tag sollte relativ viel davon noch präsent sein.

      Wenn dann immer noch Lust zum Üben hast, kümmere Dich um ein anderes Stücke aus Deinem Programm.

      Vielleicht probierst Du das aus und gibst Rückmeldung, wie es funktioniert hat. Ich würde mich sehr freuen.

      Liebe Grüße,
      Sandra

      Antworten
      1. Bianca Muschel

        Liebe Sandra,
        hier nun meine Rückmeldung nach einigen Wochen. Nachdem ich noch relativ am Anfang des Klavierlernens stehe, habe ich machmal technisch für mich recht einfache, mal schwierigere Stücke auf. Bei den einfachen fasse ich meist mehr Töne in einer Übungseinheit zusammen (gerade bei Läufen und Wiederholungen). Aber bei den schwierigen helfen mir Deine Übungstipps sehr und ich habe das Gefühl, dass ich das Stück einerseits schneller und andererseits auch besser lerne. Vor allem durch das Mitlernen der Übergänge. Daher herzlichen Dank und bitte viele weitere Tipps.
        Etwas Überwindung hat es allerdings gekostet, die einzelnen Teile erst dann zum Ganzen zu verbinden, wenn man alle einzeln gut kann. Beim letzten Stück hat das fast 2 Wochen gedauert.
        Viele Grüße
        Bianca

        Antworten
        1. Sandra Beitragsautor

          Liebe Bianca,

          vielen Dank für Deine schöne Rückmeldung!
          Ich freue mich wirklich sehr, dass Du meine Idee umgesetzt hast.

          Die Chunks (Lerneinheiten) sind für jeden ein wenig unterschiedlich. Wenn man einen Baustein schon kennt und er sich motorisch abrufen lässt (weil man ihn bereits bei einem anderen Stück geübt hat) kann man so natürlich seinen Übeabschnitt verlängern. Wenn ich beispielsweise einen gebrochenen Dreiklang erkenne, ist das für mich ein Chunk, währenddessen jemand, der die Tonfolge nicht als gebrochenen Dreiklang erkennt, jeden einzelnen Ton als Einzelbaustein wertet.

          Auch bei relativ leichten Stücken lohnt sich das abschnittsweise üben, denn es reicht nicht, das Stück mit dem Kopf zu verstehen und zu „wissen wie es geht“. Das motorische Gedächtnis der Hände verlangt nach Wiederholungen, wenn es sich wirklich sicher anfühlen soll. 🙂

          Das Tolle ist, dass die Bausteine, die man sich in leichteren Stücken durch Wiederholungen erarbeitet und dann recht sicher beherrscht, einen wunderbaren Grundstein für schwierigere Stücke legen.

          Gern kommen mehr Übetipps! Dein Kommentar hat mich sehr motiviert!
          Viele Grüße,
          Sandra

          Antworten
  2. Stephan

    Chunking bedeutet wie Informationen zusammengefasst werden.

    1 9 3 6 4 5 sind 6 Einheiten. 19 36 45 sind drei Einheiten. wenn Du dich mit einem Thema beschäftigst, verändert sich das Chunking, in dem kleinere Einheiten zu einer größeren verbunden werden.

    Dass Töne, Anschläge Chunks sind, ist eine Möglichkeit. Betrachtet man es auf motorischer Ebene, ist schon ein Anschlag unter Umständen eine Überforderung des Kurzzeitgedächtnisses.

    Aber ich würde eine andere Methode vorschlagen. Den Schülern musikalisch sinnvolle Übeabschnitte eintragen. Motive, Phrasen etc. Töne abzählen erzeugt musikalisch sinnlose Abschnitte und lernen sich schwieriger.

    Antworten
    1. Sandra Beitragsautor

      Lieber Stephan,

      ich bin ein wenig spät dran mit meiner Antwort und bitte dafür um Entschuldigung.

      In meinem Artikel habe ich vielleicht nicht unmissverständlich genug darauf hingewiesen, dass ich die Länge der Übeabschnitte in Takten bemesse. Ob man sich nun einen, zwei oder vier Takte vornimmt kann man sich an der Anzahl der Töne „erzählen“. Das ergibt in der Regel auch musikalisch sinnvolle Abschnitte, denn Phrasen sind fast immer zwei oder vier Takte lang.

      Am Klavier (und ganz besonders wenn man beide Hände zusammen übt) sind größere, musikalisch sinnvollere Abschnitte einfach nicht zu schaffen. Da geht eben oftmals sogar nur ein Takt, wenn man das Stück wirklich sicher motorisch abspeichern möchte.

      Gruß und vielen Dank für Deine Gedanken,
      Sandra

      Antworten
  3. Julia

    Liebe Sandra,
    ich habe mit meinen grösseren Schülern (ab 5. Klasse) Deine Übemethode geübt. Ich lasse sie je einen Abschnitt ca 4 bis 5 Mal spielen. Dann nicht nochmal alles und auch kein Abschnitt kommt nochmal dran. Dadurch haben wir seit den Sommerferien viel kurzweiligere Klavierstunden und auch das Üben zuhause bringt meinen Schülern viel mehr Erfolgserlebnisse und ich merke, dass sie das entsprechende Stück insgesamt schneller lernen.
    Vielen Dank!

    Antworten
    1. Sandra Beitragsautor

      Vielen Dank für Deine Rückmeldung, Julia!
      Das freut mich wirklich sehr!

      Herzliche Grüße aus Mannheim,
      Sandra

      Antworten
  4. Ute

    Liebe Sandra,

    Vielen, vielen Dank für Deinen Artikel. Die hier beschriebenen Folgen falschen Übens habe ich alle schon erlebt. Den Musikunterricht, den ich anfangs genommen habe, habe ich daher beendet. Und viele Angebote aus dem Internet haben mich auch nicht weiter gebracht. Aber ich denke jetzt habe ich wieder eine Chance doch noch Klavier zu lernen, als erwachsener Späteinsteiger.
    Viele Grüße
    Ute

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