Musiktheorie: absolutes & relatives Notenlesen (mit Übetipps)

Notenlesen, Notenlernen, Noten, absolut, relativHallo Ihr Lieben,

auf meinem Blog geht es häufig um das Thema Notenlesen aber bisher fehlte ein Artikel der aufzeigt, warum absolutes & relatives Notenlesen gleichermaßen wichtig für Klavierspieler ist. Im heutigen Artikel werdet ihr erfahren, wie die beiden Arten des Notenlesens optimal genutzt werden können. Besonders das relative Notenlesen wird oft vernachlässigt, erleichtert aber das Verständnis für den Notentext (Melodie und Harmonie) und das Memorieren von Stücken ungemein. Zudem ist die Klaviatur optisch die perfekte Grundlage für das relative Notenlesen, denn wir sehen genau, was wir tun. Besonders wenn wir uns in festen Tonräumen (wie Dur- oder Moll-Lagen) befinden. Wir haben im Blick, ob wir die nächste Taste (oder den nächsten Finger) nehmen, oder eine Taste (oder einen Finger) überspringen. Besonders am Anfang des Klavierlernens ist das eine große Hilfe, vorausgesetzt, die Finger liegen auf den richtigen Tasten.

Was bedeutet absolutes und relatives Notenlesen?

Beim absoluten Notenlesen wird jede Note für sich gelesen, benannt und gespielt.

Das relative Notenlesen zeigt die Beziehung zwischen zwei oder mehreren Tönen auf. Handelt es sich um einen Tonschritt, eine Tonwiederholung oder einen Tonsprung?

Ein Musikstück kann ausschließlich absolut gelesen werden aber nicht ausschließlich relativ. Es gibt immer Noten, die absolut bestimmt werden müssen. Der Anfangston des Stückes zum Beispiel. Auch im Verlauf des Stückes müssen an markanten Stellen immer wieder Töne absolut gelesen und gewusst werden. Welche Töne das sind, erfahrt ihr gleich.

Absolutes Notenlesen

Klavieranfänger lesen in der Regel ausschließlich absolut. Jede einzelne Note wird dechiffriert, benannt und gespielt. Hier ein Beispiel – der Anfang eines bekannten Kinderliedes:

Der Weg, Noten absolut zu lesen ist völlig logisch und nachvollziehbar. Aber auch anstrengend, da viel mehr Informationen als nötig erfasst und verarbeitet werden müssen. Auf Dauer ist diese Art des Notenlesens leider nicht nachhaltig, da der Klavierspieler die Metaebene nicht erreichen wird. Strukturen werden nicht wahrgenommen bzw. verstanden und musikalische Bausteine wie Motive, Akkorde und Begleitmuster finden nicht den Weg ins motorische Repertoire. So wird das Lernen von zukünftigen Musikstücken nicht leichter. Im Gegenteil, denn die Menge an Informationen nimmt mit steigendem Schwierigkeitsgrad natürlich zu.

Problematisch wird es, wenn sich Anfänger die Notennamen notieren um sich das Lernen bzw. eher das Spielen des Stückes zu erleichtern. Der Fokus wird auf das Lesen der Buchstaben gelenkt und das Notenlesen wird übergangen. Sprich, Notenlesen wird nicht geübt und somit auch nicht gelernt.

Wenn ich Stücke sehe, in denen wirklich über jeder Note (auch bei Tonwiederholungen) der Notenname steht, denke ich, dass das Klavier wohl nicht das richtige Instrument für den Lernenden ist. Wie soll denn die große Menge an Informationen im Notentext je bewältigt werden können, wenn schon eine Tonwiederholung nicht erkannt wird?

Relatives Notenlesen

Es ist selten nötig, jede einzelne Note zu erkennen, bevor wie sie spielen. Die Klaviertastatur macht uns die praktische Umsetzung des relativen Notenlesens ja sehr leicht. Melodien können in der Regel viel schneller erarbeitet und gemerkt werden, wenn wir relativ lesen und denken. Denn Melodien bestehen zum Großteil aus Tonschritten, Tonwiederholungen und kleinen Tonsprüngen wie Terzen. In den folgenden Beispielen sollte es genügen, die lila gefärbte Note absolut zu lesen.

Auch für das Lesen von Doppelgriffen, Akkorden, Begleitmustern und anderen akkordischen Spielfiguren ist das relative Notenlesen überaus hilfreich, da auf diese Art mehrere Töne zu einem Baustein zusammengefasst werden können. Egal, ob die Töne gleichzeitig oder nacheinander gespielt werden. Wenn wir in Mustern denken, hat der Kopf viel weniger zu tun, wir können uns besser auf die Gestaltung der Stücke konzentrieren und haben mehr Freude am Spielen.

Zurück zum Anfang von „Alle meine Entchen“. Den Melodieverlauf können wir am besten verstehen, wenn wir den Rhythmus erst einmal ignorieren. Seht ihr, wie leicht die Melodie zu lesen ist, wenn der Fokus ausschließlich auf der Tonhöhe liegt?

Der Anfang der Melodie kommt ohne Tonsprünge aus. Zum besseren Visualisieren der Richtung habe ich Pfeile notiert. Tonwiederholungen sind pink markiert. Die ersten fünf Töne kann man bereits zu einem Baustein zusammenfassen. Statt C,D,E,F,G würde ich mir merken: Von C geht es in Tonschritten hoch bis G. Es folgt eine Tonwiederholung auf G. Dann geht es einen Tonschritt nach oben, gefolgt von drei Tonwiederholungen. Danach geht es wieder einen Schritt runter zum G.

Übetipp zum Melodie lernen

Wenn der Rhythmus beim Lernen einer Melodie weggelassen wird, haben wir eine viel größere Chance, den Melodieverlauf wirklich zu verstehen und darauf zu achten, in welcher Reihenfolge die Finger benutzt werden. Wird die Melodie in kurzen Abschnitten geübt (also langsam und bewusst gelernt und anschließend ebenso langsam und bewusst mehrmals wiederholt) schaffen wir uns eine Melodiebibliothek. Denn wir werden im Laufe der Zeit immer wieder die gleichen oder ähnliche Melodiebausteine in Klavierstücken finden. Da diese Pattern (Bausteine) aber natürlich nicht immer exakt die gleichen Töne verwenden, müssen wir Melodien relativ lesen. Nur dann erkennen wir Pattern, auch wenn sie mit einem anderen Ton starten.

Natürlich ist es nicht klug, Melodien im falschen Rhythmus zu spielen bzw. zu lernen und zu hören. Wenn wir ein Stück bereits kennen und es im Klanggedächtnis korrekt abgespeichert ist, macht es in der Regel nichts, wenn das Stück anfangs rhythmisch nicht korrekt wiedergeben wird. Beim Lernen eines neuen Stück wäre es aber fatal, den Rhythmus falsch zu spielen, denn das Klanggedächtnis ist sehr mächtig und einen falschen Rhythmus später umzulernen, ist fast unmöglich. Und wenn, dann legen wir nur eine neue, korrekte Datei an. Die alte, falsche lässt sich nicht überschreiben und in unkonzentrierten Momenten werden wir wieder vom der verkehrten Version überrascht.

Mein Übetipp lautet also: Melodien bzw. Melodieabschnitte stumm lernen. Nur so bleiben wir mit dem Fokus auf dem Melodieverlauf und den Fingern. Bei akustischen Instrumenten ist das natürlich schwieriger, da man die Taste nur ganz leicht anschlagen darf, um einen Ton zu vermeiden. Wer mag, kann sich eine Tastatur malen und Melodieabschnitte erst einmal am Tisch üben.

Schlüsselnoten, Orientierungsnoten und Ankertöne

Auch wenn wir leichte Melodien zum Großteil relativ lesen können, helfen uns Noten, die wir sicher erkennen können bei der Orientierung und Kontrolle zwischendurch. Die Schlüsselnoten zum Beispiel, also das G, welches der G-Schlüssel (Violinschlüssel) anzeigt und das F, welches der F-Schlüssel (Bassschlüssel) anzeigt. Alle Cs sind wichtige Orientierungsnoten (bzw. Ankertöne oder Merktöne). Hier findet ihr meinen C-Turm zum ausdrucken. Auch der Grundton einer Melodie ist eine gute Orientierungshilfe. Bewegt sich eine Melodie im Fünftonraum ist es sinnvoll, sich den tiefsten und den höchsten Ton der Melodie als Ankertöne zu merken und sich daran orientieren.

Wann ist absolutes Notenlesen sinnvoll?

Einige Töne müssen natürlich immer absolut gelesen bzw. gewusst werden. Natürlich der Startton der Melodie bzw. des Lernabschnittes. Ist das Stück bereits gelernt empfehle ich, den Anfangston einer neuen Phrase und den Anfangston einer Notenzeile zu wissen. Nimmt die Hand eine neue Position auf der Tastatur ein (Lagenwechsel), sollte unbedingt der Startton der neuen Lage (mit dem dazugehörigen Finger) gewusst werden. Zum Beispiel: „G mit dem vierten Finger“. Um Tonsprünge sicher zu spielen, sollten die Zieltöne von Tonsprüngen, wenn diese über eine Terz hinausgehen, gelernt und gewusst werden. Zum Beispiel: „Quarte hoch zum C“.

Extratipp: Meiner Erfahrung nach können wir uns nur korrekt und dauerhaft merken, was wir in Worte gefasst haben. Es reicht nicht, sich dabei zuzusehen, was die Finger machen. Wir müssen beschreiben, was wir tun und wie Melodien oder Begleitpattern sich entwickeln. Nur so können die Informationen im Kopf abgelegt und bei Bedarf abgerufen werden. Das gilt sowohl für absolutes als auch für relatives Notenlesen. Richtiges Beschreiben hilft uns, nachhaltig zu lernen, denn auf diese Weise können wir in zukünftigen Stücken musikalische Bausteine bzw. Pattern wiedererkennen und im Idealfall in unserem motorische Repertoire finden. Das Fingergedächtnis ist erstaunlich beständig…

Wann absolut lesen? – Zusammenfassung

  • Startton des Stückes bzw. des Lernabschnittes
  • Startton einer Phrase
  • Anfangston einer Zeile
  • bei Lagenwechsel: Startton der neuen Lage
  • Zielton bei Tonsprüngen (Quarte und größer)

Am Beispiel der Melodie des Klavierstückes „Little Melancholy“

In „Little Melancholy“ aus Charming Moments Vol. 1 (mehr im ZauberKlavier-Shop) sollten folgende Melodietöne absolut gelesen und gewusst werden. Die Anfangstöne der Phrasen (bzw. des Lagenwechsels in Takt 5) und die Zieltöne der Tonsprünge.

Wann ist relatives Notenlesen sinnvoll?

Bei Melodien bzw. Melodieabschnitten, die aus Tonwiederholungen, Tonschritten und Terzen bestehen empfiehlt es sich, so viel wie möglich relativ zu lesen. Auch Bassfiguren und Begleitmuster wie Quinten, Sexten, Dreiklänge und andere Akkorde & das Basisbegleitmuster und dessen Varianten können fast immer partiell relativ erfasst werden.

Am Beispiel der Begleitung des Klavierstückes „Little Melancholy“

Tipps zum relativen Notenlesen

Um relatives Notenlesen sinnvoll einzusetzen, braucht es ein musikalisches Vokabular und einige Übung im Beschreiben der Melodien und Begleitfiguren. Mit der Zeit fällt es immer leichter, Pattern zu erkennen und Musikstücke korrekt und nachhaltig zu memorieren. Autodidakten werden hier im Nachteil sein, denn die Impulse seitens des Lehrers sind überaus hilfreich, wenn nicht sogar unverzichtbar.

Nehmt euch viel Zeit, die Hände einzeln zu lernen. Legt beim Üben nur eine Hand auf das Klavier. Ansonsten versucht das Gehirn immer, beide Hände zu beobachten und zu erfassen. Und durch die geteilte Aufmerksamkeit wird letztendlich keine Hand sicher gelernt und abgespeichert.

Konzentriert euch ausschließlich auf die Melodie und blendet den Rhythmus aus, wie bereits weiter oben im Artikel empfohlen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ansonsten weder der Melodieverlauf noch der Rhythmus sicher memoriert werden. Wir können uns einfach nicht auf zwei Dinge gleichzeitig konzentrieren.

Die Kombination von relativem & absolutem Notenlesen hilft:

  • die Informationsmenge zu reduzieren & dadurch mehr Spielfreude zu erleben.
  • mehr Fokus auf die musikalische Gestaltung des Stückes legen zu können.
  • beim besseren Verstehen und Memorieren der Musikstücke.
  • nachhaltig zu lernen, da Wiedererkennen von Motiven & Pattern in anderen Stücken möglich wird.
  • Stücke sicherer zu spielen und besser beim Verspielen zu reagieren.
  • beim Abspeichern von melodischen Pattern, Akkorden, Begleitmustern & Spielfiguren.
  • beim Aufbau eines motorischen Repertoires dieser Pattern und der Fähigkeit, diese in zukünftigen Stücken abrufen zu können.
  • dabei, Musikstücke transponieren zu können.

Habt ihr Ergänzungen zum Artikel oder wollt ihr eure Erfahrungen in den Kommentaren teilen? Ich freue mich darauf.

Eure Sandra

Anzeige
Zum Shop von ZauberKlavier

3 Gedanken zu „Musiktheorie: absolutes & relatives Notenlesen (mit Übetipps)

  1. Ines

    Liebe Sandra,

    danke für diesen ausführlichen Beitrag! Die zusammenfassenden Punkte am Ende kann ich nur unterschreiben. Gerade bei Schülern, die nicht so fit oder die blockiert sind, Noten ‚absolut‘ zu erkennen, hilft das relative Erkennen, Zugang zum eigenen Spiel zu bekommen und Sicherheit zu gewinnen.

    Zu Beginn bewegen sich die meisten Stücke in der 5-Ton-Lage. Schon da erkennen Anfänger, ob die Finger ‚fortlaufend‘ bewegt werden oder ob ‚ein Finger überschlagen‘ wird. Das dadurch mögliche schnelle Umsetzen der abstrakten Notenschrift in Klang öffnet die Tür zum Musikstück. Das ist mir für das musikalische Erleben wichtiger als das korrekte Benennen der Noten.

    Liebe Grüße aus dem Rheinland – sonnig und im Ferienmodus!
    Ines 🙂

    Antworten
    1. Sandra Beitragsautor

      Vielen Dank für Deine Erfahrungen, liebe Ines.

      Absolutes Notenlesen sicher zu beherrschen braucht einfach Zeit und viel Übung. Am besten geschieht das unabhängig vom Stück mit einer App wie Music Tutor. Kommt das relative Notenlesen zu kurz oder wird zu viel Wert auf absolutes Notenlesen gelegt, werden die Schüler so unfrei, habe ich das Gefühl. Es geht nur noch um die richtigen Töne und die Arbeit mit dem Material in Form von Variieren und Transponieren wird fast unmöglich. „Blockiert sein“ ist schon ganz richtig formuliert. Relatives Notenlesen ist gut für den „Flow“. 🙂

      Viele Grüße,
      Sandra

      Antworten
  2. Jörg Schöllhorn

    Danke schön, liebe Sandra, für die Mühe das alles zu formulieren und zur Verfügung zu stellen!
    Wer Musiktheorie praktisch umsetzend verinnerlicht, kann auch die Noten in Skalenverläufen, Arpeggien, Akkorden, bzw. Akkordverbindungen und Rhythmusfiguren erkennend/verstehend leichter vom Blatt spielen und auswendig lernen. Dabei hilft auch das Improvisieren auf der Grundlage musikalischer Elemente. Klar braucht das alles Geduld, denn es ist fast nicht mit dem Textablesen von Schriften vergleichbar, da es gerade auch am Tasteninstrument viel komplexer ist. Meine Empfehlung zum vom Blatt spielen zu üben wäre auch mit ganz einfachen Stücken zu beginnen und den Schwierigkeitsgrad langsam zu erhöhen. Z.B. die Reihe ,,Kleine Finger am Klavier“ finde ich dahingehend als Einstieg empfehlenswert.

    Herzliche Grüße,
    Jörg

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.