Effektiv Üben #4 – Die Blattmethode

Hallo ihr Lieben,

vor wenigenTagen rief mich mein Freund Mic an und erzählte mir, dass er sich die Invention Nr. 1 von Johann Sebastian Bach vorgenommen habe. Jede Hand für sich einzeln klappt gut, aber beide Hände zusammen wollen nicht so recht funktionieren. Ob ich einen Tipp hätte… Habe ich – und diese Übemethode möchte ich heute mit euch teilen..

Ich nenne diese Art Klavier zu Üben die „Blattmethode“. Mit der Blattmethode lassen sich schwere Stücke oder Abschnitte sicher einüben, denn das motorische Gedächtnis wird optimal trainiert. Das kommt besonders Klavierstücken zugute, die viele Töne in der rechten und linken Hand gleichzeitig haben und aus diesem Grund viel Koordinationsvermögen fordern. Solche Stücke ohne ein sicheres Fingergedächtnis zu spielen, macht wenig Spaß und erfordert Höchstleistung von unserem Gehirn. Insbesonders für ältere Anfänger stellen Stücke mit viel Koordination und/oder einem flotten Tempo eine große Herausforderung dar, die nur mit einem sicheren Fingergedächtnis zu meistern ist.

Hier zwei Takte aus der ersten Invention von J. S. Bach damit ihr wisst, was ich mit Stücken bzw. Abschnitten meine, bei denen beide Hände viel gleichzeitg spielen.

Warum „Blattmethode“ und wie funktioniert sie?

Die Blattmethode hat diesen Namen bekommen, weil dafür zwei Blatt Papier benötigt werden. Mit dem Papier wird alles abgedeckt, was vor und nach dem zu übenden Abschnitt kommt. Bevor wir uns an das Üben machen, wird natürlich erst einmal der Abschnitt festgelegt, der gelernt werden soll. Im folgenden Notenbeispiel ist dies die zweite Hälfte des ersten Taktes von Bachs erster Invention.

Wird eine Hand einzeln geübt, halte ich bei diesem Stück einen halben Takt (bitte nicht mehr!) für eine gute Portion. Wenn beide Hände zusammengefügt werden, ist dieser Abschnitt aber für die meisten Gehirne deutlich zu lang, um gelernt und später sicher abgerufen werden zu können Bereits der halbe Takt aus dem Notenbeispiel enthält insgesamt 13 Töne. Ich empfehle, dass eine Übeportion aus nicht mehr als 7 plus minus 2 Tönen besteht. (In meinem Artikel „Wie lang sollte ein Lernabschnitt sein?“ könnt ihr nachlesen, warum.)

Für ein sicheres Fingergedächtnis brauchen wir viele richtige Wiederholungen. Nur so können die Bewegungen nach einiger Zeit aus dem Unterbewusstsein abgerufen werden. Und – je kürzer der Abschnitt umso wahrscheinlicher ist es, dass wir ihn fehlerfrei schaffen. Wir beginnen also mit wenigen Tönen. Diesen Abschnitt wiederholen wir – langsam und laut – mehrmals und erweitern im Anschluss die Portion bis zur nächsten gemeinsamen Note (bzw. bis zur nächsten Achtel). Dafür rücken wir das Blatt nach rechts. So wird der Abschnitt Stück für Stück erweitert, bis wir unser Ziel, den halben Takt, erreicht haben. Oder bis die Konzentration nachlässt. Verzierungen wie Triller, Praller oder Mordent sollten erst mitgespielt werden, wenn die Basis sicher ist.

Warum ist die Blattmethode so effektiv?

Wollen wir ein Sücke sicher (und schnell) spielen, muss das motorische Gedächtnis so gut trainiert sein, dass das Spiel unbewusst funktioniert. Um das zu erreichen braucht es meiner Erfahrung nach recht kurze Abschnitte, die langsam und laut wiederholt werden. Für mich funktioniert die Regel „7 plus minus 2 Töne“ für die Bestimmung der Länge eines Lernabschnittes optimal. Kombiniert ihr das Üben der Abschnitte noch mit dem Üben durch die Oktaven werdet ihr staunen, wie sicher euer nach einiger Zeit Fingergedächtnis wird.

Vorteile der Blattmethode

Die Blattmethode hilft dabei, die Übeabschnitte kurz zu halten und die Fülle an Informationen auf ein perfektes Maß zu reduzieren. Das Abdecken des Notentextes vor und nach dem aktuellen Lernabschnitt hilft enorm beim Fokussieren und Konzentrieren. Durch die vielen (kurzen und dadurch sehr wahrscheinlich fehlerfreien) Wiederholungen der Segmente wird das motorische Gedächtnis sehr gut trainiert. Dadurch kann später ein großer Teil des Spielens aus dem Unterbewusstsein abgerufen werden und der Kopf bleibt frei für die Interpretation des Stückes und das Genießen der Musik. Aber Achtung: beim Üben nicht ins Tempo gehen und ausprobieren, ob das soeben Geübte schon klappt. Also nicht vom bewussten Lern- in den unbewussten Abrufmodus wechseln. Das gerade Gelernte braucht Zeit, um sich zu setzen. Vermeidet bitte auch, zu früh mehrere Abschnitte zusammenzufassen.

Und nun viel Freude beim Ausprobieren. Gebt mir Bescheid, wie es geklappt hat.

Eure Sandra

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