Meine Gedanken zum EPTA – Seminar in Fulda #2- Carina

© Sandra LabschIch hatte Zeit zum Nachdenken und möchte gern einige nachträgliche Eindrücke zur EPTA – Veranstaltung formulieren. Sandra hat in diesem Artikel einen ganz tollen Überblick über den zweiten Tag gegeben. Mir geht es heute darum, welche Ideen und Gedanken – und welchen Nutzen ich von diesem Seminar habe. Darum geht es doch bei einer Lehrveranstaltung, oder? Ich hoffe es ist auch etwas Inspiration für euch dabei…

Das Thema lautete „Aller Anfang ist…“ – so richtig viel konnte ich mir vorab darunter nicht vorstellen und auch das Programm lies jede Menge Raum zum spekulieren. Ging es also um Anfänger im Unterricht? Auch. Ebenso hörten wir z. B. über die Anfänge von Klaviermethoden (Prof. Aschauer) oder die mentale Vorbereitung auf das Üben (S. Kato). Die Vorträge waren wirklich vielseitig, ich persönlich würde mir deshalb etwas konkretere Ankündigungen im Programm wünschen. Diese sollen doch eigentlich Lust auf die Teilnahme machen – mich haben sie leider auch schon mal von einer Anmeldung abgehalten. Die nächsten Veranstaltungen werde ich nun erstmal besuchen und schauen, ob und wie es mich inspiriert. Es ist einfach toll, dass es solche Treffen für Klavierlehrer gibt – und vielleicht kommt ihr ja auch beim  nächsten Mal und macht euch selbst ein eigenes Bild?

Von den elf Vorträgen beschäftigten sich – ausgehend vom Titel – fünf mit dem Thema „Anfangen“.  Für den praktischen Bereich, also die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen im Hobbybereich stellten sich davon drei als besonders interessant heraus.

Prof. Dartsch sprach über das Wann und Wie des Anfangens. Irene Vogt-Kluge zeigte durch ihre Demonstration ihre Methode für Vorschulkinder und auch Heribert Kochs „Interpretation von Anfang an“ lies dies vermuten. Für meinen Geschmack hätten es mehr davon sein dürfen, unserem Berufsbild ist schließlich stark im Wandel. Der Alltag unserer Schüler hat sich u. a. durch ein verkürztes Abitur und den grenzenlosen Möglichkeiten des Internets und der Technik ziemlich verändert. Damit ändern sich auch die Anforderungen im Unterricht, z.B. beim Übeaufwand und der Literaturauswahl.  Es treffen sich dort einige der führenden Klavierpädagogen und Autoren – und besonders das Anfangen ist doch die Kunst. Der erste Unterricht prägt unwiderruflich, kann Lust auf mehr machen oder jegliches Interesse absterben lassen. Dazu hätte ich mir mehr Beiträge gewünscht!

Sehr gespannt war ich auf den Vortrag „Interpretation von Anfang an“ von Heribert Koch. Sein Ausgangspunkt war die Definition von „Interpretation“, also die Auslegung und künstlerische Wiedergabe. Das Verstehen der Komposition. Auf das „von Anfang an“ ist er meines Wissens nicht näher eingegangen. Ich hätte es interessant gefunden, wenn er seine Ideen in einen Kontext mit Alter oder Entwicklungsstand gebracht hätte.

Seine Motivation sei, das dramatische Geschehen in der Musik für junge Menschen erfahrbar zu machen und betonte, das dies vor allem in der Klassik der Fall wäre, in der Popmusik würde es ja nur Strophenlieder geben. Ok, also ich habe eben erst „I see fire“ von Ed Sheeran unterrichtet. Da gibt es ein Intro, das für die entsprechende Stimmung sorgt. Die Strophen können durch variable Bausteine eher ruhig oder in der Wiederholung bewegter begleitet werden. Ebenso ist das im Refrain möglich. Das Lied endet mit einer kraftvollen Bridge und dem Refrain. Natürlich ist die Klassik wesentlich vielschichtiger und filigraner – doch ist nicht auch im Pop ein dramatischer Aufbau zu finden? Und Raum für Interpretation?

Zurück zum Vortrag, bezüglich der Dramatik betonte er „die Magie des Dominantseptakkordes“. Er demonstrierte seine Wirkung an einem einfach gehaltenen Lied mit gebrochenen Dreiklängen. Zuerst spielte er die normale Dominante, dann fügte er an gleicher Stelle die Septe ein. Tatsächlich, es ergab einen schönen Effekt, der auch bestimmt für Schüler eindrucksvoll ist. Sein Anliegen die differenzierte Wahrnehmung beim Schüler zu fördern wird dadurch bestimmt erfüllt. Übrigens dürften sich D7-Akkorde auch problemlos im Pop-Bereich finden lassen, ich meine ja nur…

Mich irritierte etwas, das wir so flott in der Harmonielehre angekommen waren. Mir fehlte im Bereich der Interpretation z. B. die Besprechung von Titel, Charakter und Tempo. Mit meinen Schülern kläre ich folgende Fragen eigentlich von Anfang an:

  • Was ist das für Musik? Ein Tanz, eine Sonate, ein Wiegenlied, eine Naturbeschreibung,…
  • Welchen Charakter hat die Musik? Da fällt mir Anselm Ernst mit seinem Buch „Was ist guter Instrumentalunterricht?“ ein. In der langen Adjektiv-Liste finde ich sehr aussagekräftige Wörter wie finster, würdevoll, zäh, rasend, fieberhaft oder besinnlich.

Das sind wichtige Informationen, die doch erst den Zugang zum Stück ermöglichen. Wenn man im Unterricht die Besonderheiten einer Komposition herausarbeiten möchte, gehört das für mich an die erste Stelle. Dann folgen dramatische Höhepunkte in der Melodie, die Entdeckung von Nebenstimmen oder harmonische Besonderheiten wie ein Vorhalt, Trugschluss oder ein Dominantseptakkord. Ebenso möchte ich langfristig etwas Wissen über die Biographie des Komponisten und seiner Epoche vermitteln.

Sehr gut gefallen hat mir, dass Heribert Koch durch die Wahrnehmung von Besonderheiten und der Dramatik eine persönliche Interpretation anstrebt. Damit sie überzeugt und berührt – und nicht durch eine Standard-Spielweise langweilt. Seine Methode ist also die „Was wäre wenn?“ – Untersuchung. Er möchte Veränderungen testen und Entscheidungsmöglichkeiten geben. Das Entdecken der Möglichkeiten, ohne das etwas fest oder vorgefertigt ist.

Sein Ziel ist, dass der Schüler sich als Komponist fühlt und jeden Ton wirklich will. Eine schlichte Reproduktion wäre genau so schlimm wie falsche Töne. Genau das gehört meiner Meinung nach aber in den Unterricht mit Fortgeschrittenen – ich kann mir nicht vorstellen wie ich eine Sechsjährige dazu bringen soll ihre Töne „zu wollen“ oder sich in den Komponisten hinein zu versetzten. Wenn ich mit meiner Schülerin komponieren würde, ja – doch im Erarbeiten eines Stückes? Ich denke, dass nach Sammlung von Spiel- und Hörerfahrung dieser Ansatz ganz wunderbar ist, das „von Anfang an“ halte ich unter den genannten Aspekten nicht für möglich.

Auch auf die Unterrichtsdemonstration von Irene Vogt-Kluge möchte ich eingehen. Ich weiß nicht wie es den anderen Teilnehmern ergangen ist, doch mein Interesse an der gezeigten ersten Stunde am Klavier sank schnell. Das ist unser Alltag und wir haben das schon unzählige Male selber unterrichtet. Für mich es gab leider keine neuen Anregungen, ich habe sofort an Klaus Runze und Peter Heilbut gedacht. Das waren ohne Einschränkung sehr prägende Pädagogen – doch ist seitdem denn gar nichts mehr passiert?

Es war eine schöne Idee durch eine Unterrichtsdemonstration für etwas Abwechslung zu sorgen. Doch eine allererste Stunde mit Schülern, die eigentlich schon viel zu alt für diese Vorgehensweise waren? Verständlich, dass es organisatorisch nicht anders ging, doch vielleicht wäre ein Überblick über das ganze Konzept „Klaviergarten“ sinnvoller gewesen. Frau Vogt-Kluge wirkte sehr erfahren und ich hätte gern davon gehört.

© Carina GrüneIch habe selber vierjährige im Unterricht und habe das Gefühl, dass sie Musik erleben, aber auch konkrete Dinge lernen wollen. Die Vorschulkinder von heute kennen sich bestens mit Smartphones und Tablets aus. Malen mit Buntstiften? Das passiert jetzt auch am Touchscreen. Sie sind schnelle Ergebnisse gewöhnt. Natürlich wollen sie weiterhin Geschichten hören, doch sie freuen sich auch wenn sie ein neues Stück in der Stunde gelernt haben. Etwas Greifbares, wie einen Zettel zum mit nach Hause nehmen – genug Formen der Vornotation gibt es doch. Ich besitze den „Klaviergarten“, doch nach der Durchsicht bleibt mir vieles zu experimentell und zu ungenau, selbst am Ende gibt es noch keinen Ausblick auf Notation, von der graphischen einmal abgesehen. Der spielerische Aspekt ist genau richtig, doch er reicht mir nicht und ich finde das Tempo zu langsam. Doch das Heft versteht sich ja auch als flexibles Konzept aus dem man bestimmte Ideen aufgreifen kann. Ein schöner Einstieg ist es auf jeden Fall, ich würde aber sobald wie möglich ein weiteres Konzept hinzufügen. Den Lehrerkommentar finde ich sehr gut geschrieben, der Aufbau ist systematisch und gibt unzählige Ideen und Anregungen. Schade, dass mich die Präsentation leider nicht neu inspirieren konnte – ein methodischer Überblick hätte das bestimmt geschafft!

Das Seminar wirkte auf mich etwas zu wissenschaftlich-theoretisch. Es kann durchaus interessant sein, etwas über frühe Formen der Klaviernotation oder auch historische Klavierschulen zu erfahren. Letzterer Vortrag war übrigens auch sehr charmant präsentiert. 😉 Doch als Fazit würde ich mir etwas mehr Pädagogik wünschen. Und eine genauere Programmbeschreibung – so könnte man sich gezielter Vorträge aussuchen. Zwei Tage nur zuhören ist echt anstrengend, mal eine Pause zum Sacken lassen oder für ein Gespräch mit einem Kollegen wäre wohltuend. Ohne Angst, etwas Interessantes zu verpassen.

Ich bin nun sehr auf den Kongress in Bayreuth gespannt: das „Instrument im Mittelpunkt“! Das Programm wird im August veröffentlicht.

Falls ihr euch näher mit dem Thema Interpretation auseinandersetzten wollt hier noch zwei Literaturtipps:

  • „Interpretation“ von Gerhard Mantel, Schott Verlag
  • „Interpretation auf dem Klavier, Unterricht bei Arthur Schnabel“ von Konrad Wolff, Serie Piper

Viel Freude im Unterricht!

Carina

Mehr über Carinas Arbeit erfahrt ihr auf www.pianostudioratingen.de


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