EPTA-Seminar 2014 in Fulda #2 – Sandra

Heute möchte ich Euch über den zweiten Tag des EPTA-Seminares in Fulda berichten. Viele Vor- und Beiträge warteten auf uns und los ging es mit „Frühsport“ der ganz besonderen Art.

© Maksim Luhouski - Dreamstime.comDer Samstag startete mit dem 45-minütigen Bewegungskurs „Übungen für Körper und Geist, um Beweglichkeit, Durchlässigkeit und Wachheit für das Musizieren vorzubereiten„. Zum ersten Mal seit langem hatte ich wieder das Gefühl, mich ganz auf mich konzentrieren zu können. Die Weite des Saal war toll, die morgendliche Stimmung hat mich verzaubert und ich konnte meinen Körper direkt spüren. Mit geschlossenen Augen konnte ich den Sonnenschein fühlen und alles wurde ganz schnell warm. Mich auf diese Weise wahrzunehmen hat mir gefehlt – schon länger. Ich weiß noch nicht, wie es in diese Richtung weitergeht, aber es sollte weitergehen! Denn es hat gut getan. Vielen Dank an die Kursleiterin Petra Bleser für diese schöne Erfahrung!

© Bärenreiter - CoverDer Wiener Dirigent und Musikwissenschaftler Dr. Mario Aschauer führte uns anschließend in die Welt der historischen Klavierschulen ein. Mich interessiert dieses Thema schon seit langem weswegen ich natürlich sehr interessiert lauschte. 🙂

Dr. Aschauer berichtete über die Klavierschulen, die zwischen 1750 und 1800 erschienen sind und teilte sie in drei verschiedene Typen ein, die er uns näher erläuterte.

Ganz besonders spannend für mich war die Tatsache, dass der Daumen zu dieser Zeit nicht als Finger galt. Er wurde mit einer Null oder einem Kreuz bezeichnet. Bach schrieb in seinen Fingerregeln, dass der Daumen nur im Notfall Obertasten (schwarze Tasten) spielen solle. Vielleicht kommt daher die Tradition, den Daumen auf schwarzen Tasten zu vermeiden. Immer wenn ich (für mich) unlogische Fingersätze in Noten finde, die um jeden Preis diesen Finger auf einer schwarzen Taste vermeiden wollen fragte ich mich, für was das gut sein soll. Nun habe ich zumindest eine Idee. Waren nicht auch damals die Tasten viel kürzer? Meine Hand passt jedenfalls nicht vollständig auf eine Cembalotastatur. Aus diesem Grund habe ich mich auch nie intensiver mit der Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts beschäftigt und lieber Rachmaninov gespielt. 😉

 © Saniphoto - Dreamstime.comZum ThemaInterpretation von Anfang an teilte Heribert Koch uns seine Gedanken mit. Er arbeitet als Pianist, als Juror internationaler Wettbewerbe, ist Musikwissenschaftler und unterrichtet.  Man merkt, dass seine Liebe der klassischen Musik gehört.

Der Vortrag enthielt einige sehr schöne und inspirierende Vorschläge, wie man einen Schüler dazu bringen kann, das „Zauberhafte“ in der Musik zu entdecken. So kann zum Beispiel der Dominantseptakkord am Ende eines Stückes einen großen Zauber ausstrahlen. Einem Schüler kann man das nahebringen, in dem man das Ende erst einmal ohne das Besondere (den Dominantsepptakkord) spielt. Oder indem man auf der Terz und nicht auf dem Grundton endet. In diesen Fällen fehlt das Gefühl des zu Hause ankommens.

Zauberhaft kann die Melodieführung des Basstones in der linken Hand sein wenn er nicht immer dem Grundton entspricht (Bsp. Walzer in H-Moll von Chopin). Oder ein notierter – aber leicht zu übersehender – unüblicher Pedalwechsel, der einen völlig unerwarteten Klang zaubert (Bsp. „Kleine Studie“ Schumann oder „Rondo Capriccioso“ Mendelssohn). Der Schüler kann diese Besonderheiten entdecken, indem er die anderen Varianten kennenlernt. Dier ersten Takte des Walzers ohne die raffinierte Bassführung oder das taktweise gewechselte Pedal.

Als Lehrer möchte ich eine differenzierte Klangwahrnehmung fördern und dem Schüler helfen, das musikalische Phänomen (z. Bsp. die Wirkung des Dominantseptakkordes) zu entdecken. Es ist ratsam, dem Schüler nicht eine Aufführungsweise vorzugeben, sondern mehrere Varianten anbieten. Ein Auftakt muss beispielsweise nicht immer leiser als der Taktanfang gespielt werden und ein Ende muss nicht immer weich und weiblich klingen. Wenn man das Stück formal erfasst hat und die Bedeutung der Musik versteht, ist vielleicht eine andere Möglichkeit stimmiger.

Ein Gedanke aus dem Vortrag von Heribert Koch hat mich sehr inspiriert: „Man sollte so spielen als wäre man der Komponist. Man muss die Töne wollen. Töne, die nur reproduziert sind, sind manchmal fast genau so schlimm wie falsche Töne.“

Ich teile allerdings nicht die Meinung von Herrn Koch, dass nur klassische Musikstücke eine Entwicklung aufweisen und dass alles, was die heutigen Komponisten hervorbringen (und was man weitläufig als Pop bezeichnet) simple und banal ist. Die Stücke aus der Mitte der vierziger Jahre publizierten Klavierschule des Amerikaners Michael Aaron finde ich nicht banal, sondern würde sie als schlicht, eingängig und verständlich bezeichnen. Mich berühren viele ganz einfache Kompositionen aus den letzten siebzig Jahren weit mehr als leichte klassische Stücke.

© Sandra LabschWeiter ging es mit „Vom Spiel zum Klavierspiel„. Dabei handelte es sich um eine Unterrichtsdemonstration mit einer Gruppe von Vorschulkindern und der erfahrenen Pädagogin Irene Vogt-Kluge. Sie ist Co-Autorin des Heftes „Klaviergarten“ (erschienen bei Edition Con Brio).

Zusammen mit Dorothee Graf und Jutta Schwarting hat Irene Vogt-Kluge für dieses Heft flexible Unterrichtskonzepte für die ersten Schritte am Klavier erstellt.

Irene Vogt-Kluge hat eine ganz wundervolle Art, mit Kindern umzugehen. Die drei sechsjährigen Mädels aus Fulda verloren ganz schnell ihre Ängste und hatten viel Freude bei ihrer ersten Klavierstunde vor Publikum.

Irgendwie sind sechsjährige Vorschulkinder heute schon deutlich größer, weiter und pfiffiger als früher, oder? Ich hatte das Gefühl, dass die Mädchen mehr in der Unterrichtsdemonstration hätten lernen können. Hat Frau Vogt-Kluge so unterrichtet, als wären die Kinder zwei Jahre jünger?

Schön wäre es gewesen eine Idee für ein kleines Stück zu bekommen, welches nach Riesen oder Zwergen klingt. Ein Stück (oder auch nur ein Motiv), welches die Mädels mit nach Hause nehmen. Auch könnte man bereits in der ersten Stunde Bausteine benennen (z.Bsp. „Terz“) und konkretere Vorgaben machen. Die Kuckucks- oder Rufterz hätte man beispielsweise vom C aus spielen können und die Mädels hätten so bereits einen Ton/eine Taste kennengelernt.

Der „Klaviergarten“ ist vorzugsweise für die Altersgruppe ab vier Jahren gedacht und wird sicher am besten in Gruppen funktionieren. Mit so jungen Kindern habe ich keine Erfahrung, Irene Vogt-Kluge wird besser wissen, was diese schon können und was nicht.  Das Heft kann auch parallel zu einer Klavierschule verwendet werden und ist so sicher für Lehrer etwas älterer Schüler interessant.

© Irina Iglina - Dreamstime.comProf. Anton Voigt teilte in seinem Vortrag „Vom Anfangen“ viele interessante Gedanken mit uns. Es ist gar nicht so einfach, den Inhalt des Referates in wenigen Sätzen zusammenzufassen. Verschiedene Aspekte über das Anfangen wurden beleuchtet.

Wie wichtig der erste Satz eines Buches ist; wie wir das Interesse unseres Publikums wecken und die Aufmerksamkeit aufrechterhalten. Welchen Stellenwert Kommunikation einnimmt, sei es verbal (reden) oder nonverbal (musizieren & hören) und welch große Rolle die Persönlichkeit des Vortragenden spielt. Und nicht minder die Persönlichkeit des Lehrers, um den Schüler zu faszinieren. Wir haben etwas darüber erfahren, wie Musikstücke beginnen können, dass es Signaturen der Komponisten gibt, also eine bestimmte Tonfolge oder eine bestimmte Anzahl von Tönen verwendet wurde.

Es folgten Ratschläge, wie wir das Üben optimieren können und welche Punkte vor und in einem Konzert relevant sind und vorbereitet bzw. überdacht werden sollten. Immer wieder fiel der Begriff „Aufmerksamkeit“. Unsere Aufmerksamkeit, uns selbst und der Musik gegenüber und die Aufmerksamkeit des Publikums, die uns das Wichtigest schenkt, welches es besitzt: Lebenszeit. Damit sollte man als Künstler und als Pädagoge sorgsam umgehen.

Den Vortrag „Phrasing und Motion Connection in Performance“ des Italieners Francesco Possenti haben Carina und ich leider verpasst. Unsere Konzentration war auf dem Nullpunkt und wir mussten uns erst einmal mit Koffein und frischer Luft versorgen. Zur Gesprächsrunde „Wie fange ich’s an?„, moderiert von Andreas Eschen, waren wir wieder einigermaßen fit. Den Beiträgen zu folgen war aufgrund der geringen Sprechlautstärke anstrengend, aber den ein oder anderen Literaturtipp habe ich mir notiert und einige Ideen für den Unterricht aufgeschnappt. Der letzte Beitrag des Abends folgte:

© Hartemink - Dreamstime.comIn einem sehr berührenden Nachruf würdigte meine ehemalige Mentorin Ulrike Wohlwender, die heute eine Professur für Klavierpädagogik in Stuttgart innehält, die Person und das Wirken des Wissenschaftlers und Musikers Christoph Wagner. Ulrike Wohlwender hat viele Jahre mit dem Verstorbenen zusammengearbeitet. Das Buch „Hand und Instrument“ (erschienen bei Breitkopf & Härtel) entstand unter ihrer Mitarbeit. Wer mehr zum Thema Musikerhände, musikphysiologische Grundlagen und praktische Konsequenzen erfahren möchte, wird hier seine Neugier stillen können.

Christoph Wagner starb am 30. August 2013 im Alter von 82 Jahren. Er gilt als Begründer der Musikphysiologie. In dem sechsminütigen 3sat- Beitrag mit dem Titel „Hände von Musikern unter der Lupe“ kann man sich ein Bild von seiner Arbeit machen.

Im Züricher Handlabor (Zürcher Zentrum Musikerhand) können interessierte Musiker eine biomechanische Handmessung vornehmen lassen. Dieses objektive und individuelle Handprofil kann den Musiker  dabei unterstützen, eine auf ihn abgestimmte Spieltechnik etc. zu entwickeln. Nicht zuletzt um Spielproblemen, vorzeitigen Ermüdungserscheinungen und anderen Beschwerden vorzubeugen.

Mehr über den ersten Tag des EPTA-Seminares könnt ihr hier erfahren.

Eure Sandra

Anzeige
Zum Shop von ZauberKlavier

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.