Gedanken #5

Hallo Ihr Lieben,

in Baden-Württemberg sind noch zwei Wochen Ferien und die tun richtig gut. Wir waren vierzehn Tage unterwegs, aber ein Stage-Piano war immer dabei, denn zumindest ein wenig üben musste ich, um auf der Geburtstagsfeier meines Papas einen kleinen musikalischen Beitrag zu leisten.

Im Urlaub habe ich gemerkt, dass ich in den letzten Monaten zu viel gleichzeitig gewollt habe. Unterrichten, Komponieren, Bloggen, Üben und Auftreten sind eigentlich nicht unter einen Hut zu bringen. Und ich habe ich nicht mehr die Kraft dafür. Wenn ich Übe und Spiele kommt das Komponieren zu kurz und meine Projekte werden nicht fertig. Zudem, viele meiner Stücke passen eher in die Herbst-Winterzeit und so habe ich entschieden, erst einmal zwei Monate im Café Vogelfrei zu pausieren. Der Gedanke, Kompositionsunterricht zu nehmen, spukt mir immer noch im Kopf herum und es ist an der Zeit, das auszuprobieren. Einen Kontakt habe ich bereits und ich freue mich auf neue Inspiration.

Momentan habe ich in einigen Bereichen das Gefühl, mich verändern zu wollen. Das betrifft auch meinen Unterricht. Ich möchte ein besseres Konzept, möchte mehr mit meinen Schülern improvisieren und den Unterricht abwechslungsreicher gestalten. Ich möchte mir einen Lehrplan machen und organisierter an die einzelnen Punkte herangehen. Das Durchschauen von Klavierschulen wird mir dabei helfen. Und früher oder später werde ich nicht darum herum kommen, eine eigene zu entwerfen. Zumindest für meine Erwachsenen. Mittlerweile habe ich meinen eigenen Weg und keine der Klavierschulen, die ich mir bisher angeschaut habe, entspricht meinen Bedürfnissen und Vorstellungen.

Zwei Punkte sind mir besonders wichtig. Mehr auf relatives Notenlesen einzugehen – zumindest ganz am Anfang. Da stört es mich sehr, wenn Klavierschulen ewig in der Lage um das eingestrichene C herumdümpeln und der Schüler ganz schnell einen bestimmten Finger mit einem bestimmten Ton verbindet. Es müssen also mehr Stücke in verschiedenen 5-Ton-Lagen her. Man könnte dabei schrittweise die Intervalle einführen. Zuerst Stücke mit Tonschritten. Dann kommen Terzen dazu u.s.w.. Die Frage ist, ob das wirklich etwas bringt, denn früher oder später lesen die meisten absolut. Aber – es hat noch niemandem geschadet, verschiedene Lernwege auszuprobieren. Offener und flexibler wird man so allemal.

Der zweite Punkt, der mir in der letzten Zeit in einigen Klavierschulen aufgefallen ist und mit dem ich persönlich nicht viel anfangen kann sind zu viele polyphone Stücke. Irgendwie finde ich solche Stücke total altmodisch. Immerhin wurde hauptsächlich im Barock so komponiert. Zum einen wird diese Art von Musik natürlich dem Zeitgeschmack entsprochen haben und zum anderen konnte man ja auf den Tasteninstrumenten nicht mit differenzierter Dynamik spielen. So zumindest meine Theorie. In der Wiener Klassik sahen die Klavierstücke schon ganz anders aus und entsprachen dem Prinzip Melodie & Begleitung. Und danach gab es auch Stücke, die nur aus Harmonien bestehen (vielleicht weil das Pedal anders funktioniert hat oder wirkungsvoller war?). Natürlich, Ausnahmen gibt es immer, Bach’s berühmtes C-Dur Präludium gehört ja auch zu den rein harmonischen Stücken. In Bachs Stücken finden sich aber auch viele Harmonien und Wendungen, die jazzig und modern klingen. Der Mann war so genial!

Jedenfalls ist noch kein Klavierschüler zu mir gekommen und hat gemeint, er möchte Klavierspielen lernen weil er unbedingt eine Fuge von Bach spielen möchte. Die Filmmusik von Amélie war aber schon der Grund und andere Filmmusiken. Popsongs sind natürlich auch immer gewünscht. Warum arbeiten die meisten Klavierschulen so anders? Weil sie für das autodidaktische Lernen entworfen werden und es da hauptsächlich darum geht, Noten lesen zu lernen? Rhythmus ist nebensächlich, denn alle Übungen und Stücke können auf CD angehört werden und der Schüler spielt in der Regel nur nach. Ein bisschen Theorie ist noch dabei, aber nach Akkordsymbolen spielen zu lernen und zu begreifen, was man da tut, wird wahrscheinlich nur mit Lehrer gut funktionieren. Wenn Klavierschulen das als Thema haben, sind immer wieder die gleichen Stücke bzw. eher Lieder zu finden. Dann kommen „richtige“ Klavierstücke meistens zu kurz.

Die Klavierschulen, die ich in Berlin angeschaut habe und die voller Volkslieder und anderer bekannter Titel sind, habe ich gleich wieder weggelegt. Und ich bin froh, sie mir nicht ohne vorher hineinzuschauen bestellt habe. Anders war die Klavierschule Play Piano von Margret Feils, die ich eigentlich direkt mitnehmen wollte. Sie ist voller eigener Stücke von Margret Feils und hob sich so schon positiv von anderen Werken ab. Aber knapp 30 Euro sind kein Pappenstiel und so habe ich es mir noch anders überlegt und sie erst einmal auf meinen Wunschzettel gesetzt. Die Schule kann auch noch etwas warten. Ich habe noch genug andere zum Durchsehen.

Und die Modern Piano Method von Georg Boeßner habe ich vor wenigen Tagen bei Stöbern im Internet entdeckt und sie ist ebenfalls direkt auf meinem Wunschzettel gelandet. Das Konzept klingt interessant und ist im Vergleich mit anderen Schulen eine schöne Abwechslung, da eben auch das Thema Begleiten bzw. Leadsheet-Spiel gelernt und geübt wird.

Die meisten von uns Klavierlehrern werden eine Ausbildung genossen haben, die frei von Improvisation und anderer musikalisch kreativer Abwechslung war. Es wurden Stücke nach Noten gelernt und fertig. Ziemlich traurig, wenn man nicht in der Lage ist, die Melodie eines Weihnachtsliedes zu begleiten oder ein Stück zu verändern. Nicht jeder ist ein Naturtalent darin und lernt das von selbst oder nebenbei. Meine Schüler sollen wissen, wie das geht.

Die Kinder-Klavierschule Tastenzauberei von Aniko Drabon hat mir auch gut gefallen. Vier Bände á 19,99 Euro sind aber auch nicht günstig. Das muss wohl warten. Nächstes Jahr ist auch noch Zeit, um sich Wünsche zu erfüllen.

In diesem Sinne… Noch einen schönen Sommer und bis die Tage,

Eure Sandra

Anzeige
Zum Shop von ZauberKlavier

4 Gedanken zu „Gedanken #5

  1. Johannes

    Danke für den interessanten Beitrag.

    Ja, das neue Schuljahr steht vor der Tür und es ist Zeit wieder den eigenen Unterricht zu hinterfragen, Neues zu probieren und auch auf Altbewährtes zurückzugreifen.

    Die perfekte Klavierschule gibt es nicht und ich bin gespannt, was du vielleicht eines Tages aus dem Hut zaubern wirst. Für die jüngeren Schüler verwende ich „häufig Tastenzauberei“ von Aniko Drabon .

    Zu „Play Piano“ von Magret Feils möchte ich mich äußern: Zweifelsfrei steht ein Konzept hinter dem Band, sie hat sich wirklich viel überlegt. Manche Lernschritte sind etwas groß, manchmal wirkt es etwas überladen mit Tipps, vielleicht ein bisschen zu früh zu viel Theorie, für Erwachsene wohl deshalb geeigneter. ABER womit ich nicht klarkomme: Das h wird immer mit b bezeichnet. Also etwa G-Dur Tonleiter: g-a-b-c-d-e-fis-g. B-Durdreiklang: bes-d-f! Das ist ein ganz wesentlicher Eckpfeiler dieser Schule und da kann ich einfach nicht mitgehen. Ja, das würde das Notenlesen vereinfachen, … würde es, wenn … ja, wenn es im ganzen deutschsprachigen Raum so wäre. Ist aber nicht so und deshalb wirken die Notennamen skurril. Ich wollte das Heft einsetzen, konnte aber nicht. Man stelle sich vor meine Schüler kämen mit anderen Musikern in Kontakt und spielten mal ein Stück in Bes-Dur!

    So nebenbei klingen die Aufnahmen in Play Piano so überhaupt nicht nach dem V-Piano, welches Magret Feils überschwänglich lobt und das auch seit einigen Monaten mit meinem Computer „verheiratet“ ist. Was mich so nebenbei fragen lässt, womit du, liebe Sandra, deine Aufnahmen einspielst? Der Klang gefällt mir. Vielleicht schreibst du’s mir oder gestaltest mal einen Blog darüber. Editierst du eigentlich auch deine Aufnahmen (womit?) … Lieber nicht zu viele Fragen sonst wird deine Zeitnot noch größer.

    Liebe Grüße

    Johannes

    Antworten
    1. Sandra Beitragsautor

      Hallo Johannes,

      vielen Dank für Deinen Kommentar! Das ist ja interessant! Wenn ich entscheiden könnte, würde das „H“auch „B“ heißen. Ist viel logischer, aber dafür ist es jetzt wohl zu spät. Noch mehr ärgere ich mich über falsche Oktavierungszeichen. 😉

      Ich nehme direkt an meinem Yamaha-Silent-Flügel auf. Mit einem Roland Edirol als Wave-Datei. Nachbearbeitet sind die Aufnahmen (noch) nicht.
      Sehr simpel eigentlich. 🙂

      Liebe Grüße,
      Sandra

      Antworten
  2. Sandra Beitragsautor

    Vielen Dank! 🙂

    Die Stücke nehme ich, wenn es sein muss, auch 150 mal und mehr auf.
    Eben so lange, bis ich zufrieden bin.

    Lob von einem Kollegen tut da natürlich gut! Man weiß ja immer nie, ob die eigene Arbeit etwas taugt.

    Also – nochmals Danke und herzliche Grüße,
    Sandra

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.