Jazziges und mein erster Eindruck #3 – Hefte von Scholl-Anderson, Hans-Günther Heumann & William Gillock

„Das Boogiebuch“ von Anne Scholl & Rolf Anderson enthält elf Boogie Woogies und ist 1985 bei Edition Peters erschienen. 8,90 Euro kostet es. Das Cover sieht aus, als hätte ein Vierjähriger eine Tastatur gemalt. (Enschuldigung!) Mein Fall ist es nicht, aber ich als passionierte Noten-Sammlerin bin hart im Nehmen. 😉

Fast 20 Jahre haben die Kompositionen auf dem Buckel, aber altmodisch klingen sie nicht. Ein Boogie ist ein Boogie. Vor ca. 100 Jahren ist diese Musikform entstanden. Als ich die Stücke gestern wieder das erste Mal durchgespielt habe war ich mir noch nicht sicher, was ich davon halten soll. Zu sehr haben sie mich an Blues erinnert. Natürlich, Boogie und Blues haben eine Menge gemeinsam. Heute habe ich erst einmal nachgelesen, was der Blues (unter anderem) vom Boogie unterscheidet und der Punkt ist schlicht und ergreifend: das Tempo! (Hätte im Nachwort erwähnt werden sollen.) Ich habe die Stücke viel zu langsam gespielt. Heute dann noch einmal im richtigen Tempo und hier bin ich ausnahmsweise mal dankbar, dass Metronom-Angaben notiert sind. 🙂

Mit gefallen die Stücke! Was mir nicht gefällt ist wieder einmal die punktierte Notation. In der Anleitung zum Üben am Ende des Heftes (warum am Ende und nicht am Anfang?) ist aber erklärt, dass dieser Rhythmus triolisch zu spielen ist. Der Blue Boogie ist mit Viertel-Noten notiert und auch diesen würde ich verswingt spielen. Rock Boogie und Orient-Karawane sind somit die einzigen beiden Stücke, bei denen der verswingte Rhythmus unpassend wäre.

Bei einigen Stücken sind die Fingersätze, meiner Meinung nach, unzureichend und manche habe ich schon vor Jahren verändert (erkenne aber leider die Original-Fingersätze nicht mehr). Sowieso ist es sinnvoll, sich erst einmal mit einem Bleistift zu bewaffnen und bei den sich wiederholenden Stellen die Fingersätze zu ergänzen.

Für Kinder ist das Heft weniger geeignet. Das Notenbild für nicht ansprechend genug und die Stücke sind ein wenig zu lang und auch zu „erwachsen“. Jugendliche & Erwachsene werden jedoch eine Menge Spaß an und mit den Boogies haben.

Holla die Waldfee! Das ist nichts für Kinder! Auch wenn der Titel es propagiert. „Children’s Blues Piano“ von Hans-Günther Heumann enthält elf Klavierblues mit einer Länge von ein bis vier Seiten. 10,50 Euro kostet das Heft. Was einen Blues ausmacht, ist im Vorwort sehr schön erklärt. Sind Blues-Stücke etwas für Kinder? Ich glaube nicht, dass Kindern solch schwermütige Stücke gefallen, es sei denn, sie haben einen witzigen Text wie der Katzenblues aus der Klavierschule 123 Klavier.

Die Stücke klingen gut, aber die Anforderungen sind teilweise wirklich hoch. In einigen Stücken finden wir gleichzeitig gerade zu spielende Achtelnoten, punktiert notierte (aber triolisch zu spielende) Achtelnoten, Triolen und/oder synkopische Rhythmen (wie: Achtelpause, Viertelnote, Viertelnote, Achtelnote, Viertelnote). Zweistimmige Abschnitte und Vorschläge sind auch regelmäßig zu finden. Das Pedal wird oft nur punktuell eingesetzt, was ich auch Kindern nicht zutraue. Hans-Günther Heumann scheint Genies als Schüler zu haben – ganz ehrlich, mir fiel das Durchspielen nicht leicht. Die Stücke sehen nicht sehr schwer aus, haben es aber in sich. Meiner Meinung nach ist das Heft für Erwachsene geeignet, die schon mindestens ein, zwei, drei Jahre Klavierunterricht nehmen und sich für Blues interessieren. Aber schenkt mal einem Erwachsenen ein Heft mit „Children’s“ im Titel. Schade. Rhythmisch und pedaltechnisch kann man an diesen Stücken wirklich eine Menge lernen und das Thema Blues ist musikalisch sehr schön umgesetzt. Ich verstehe nur nicht, was sich Hans-Günther Heumann dabei gedacht hat… 🙄

„More New Orleans Jazz Styles“ von William Gillock ist ein schmales Heft und enthält fünf Stücke mit einer Länge von je zwei Seiten. Bei Amazon gibt es die Noten derzeit für 5,99 Euro zu kaufen. Zwei der fünf Stücke finden sich auch in dem schönen Sammelband „Hello Mr Gillock! Hello Carl Czerny!“ Ich habe von William Gillock eigentlich noch kein Stück gefunden, welches nicht gut ist. Gillock komponiert logisch, seine Stücke funktionieren – und sie sind irgendwie zeitlos. Genau wie die Stücke von Michael Aaron. (Ich muss gerade über den Titel schmunzeln. „Die moderne Anleitung zum Klavier-Studium“ 😆 Die Hefte sind von 1945!) Die fünf Stücke aus „More New Orleans Jazz Styles“ sind mittelschwer. Auch hier wird die punktierte Schreibweise benutzt, um triolisch zu spielende Achtel zu notieren. Aber es ist immerhin über jedem Stück notiert, wie die Achtel zu spielen sind. Bei vielen Stücken findet man das, wenn überhaupt, nur im Vorwort oder im Nachwort. Das Notenbild ist angenehm, die Fingersätze gut und die Notation der Pedalisierung ebenso. Ein gelungenes und preiswertes Heft. 🙂

 

Eure Sandra

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Ein Gedanke zu „Jazziges und mein erster Eindruck #3 – Hefte von Scholl-Anderson, Hans-Günther Heumann & William Gillock

  1. Tobi

    Hola, Sandra,

    deine Texte sind wie immer angenehm zu lesen.
    Eine Anmerkung zu dem ersten Buch.
    Ich könnte mir vorstellen, dass der Sinn und Zweck dieses Covers ist, dass es einfach auffällt. Ich bin ja häufiger mal in Buchhandlungen unterwegs und dieses Buch würde eben durch das Cover hervorstechen. Ob positiv oder negativ ist natürlich eine Geschmacksfrage. Aber ich denke, ich hätte es auf alle Fälle mal zur Hand genommen.

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