Victor Labenske „Piano Miniatures“

Einen schönen guten Morgen! Es ist Sonntag, gleich halb 8 und ich kann mich erinnern, heute als erstes die fünf Glockenschläge der nahegelegenen Kirchenuhr gezählt zu haben. Seitdem ist schon einige Zeit vergangen, in der ich nicht wenig gegrübelt habe, warum ich unter der Woche vor Müdigkeit nicht aus dem Bett komme und mein Gehirn Schlaf am Wochenende offensichtlich als Zeitverschwendung betrachtet. Andersrum wäre klüger… Nun, Morgenstund hat Gold im Mund und in diesem schönen und ruhigen Moment beende ich die Weihnachtspause, in der ich viele liebe Menschen wiedergesehen habe und auf einer Reise neue Eindrücke sammeln durfte. Passend zum Reiseland wollte ich mich eigentlich mit Stücken von Pam Wedgwood, einer Britin beschäftigen, aber es gibt Noten, die ich regelmäßiger nutze und eines meiner Lieblingshefte möchte ich heute vorstellen. Die „Piano Miniatures“ von Victor Labenske.

Victor Labenske arbeitet als Musikprofessor in San Diego und unterrichtet Klavier, Musikgeschichte und Komposition. Wenn ich das richtig verstehe, hat Victor Labenske einen Doktortitel in „Musical Arts in piano performance“ erworben. Ok, in Amerika gibt es scheinbar Doktortitel fürs Klavierspielen. Ich halte mich mit meiner Meinung zurück. 😉

Die „Piano Miniatures“ beinhalten 24 kurze Stücke in allen Dur- und Molltonarten. Ich habe es letztes Jahr bei www.sheetmusicplus.com entdeckt und bestellt, aber bei Amazon kann man es auch günstig in Deutschland beziehen. 5,99 Euro kostet es und ist im Vergleich zu den meisten europäischen Noten und deren Preisen wirklich ein Schnäppchen.

In den letzten Tagen haben ich viel darüber nachgedacht, was mir bei Literatur für Anfänger wichtig ist und ich denke, dass ich meine Gedanken in einem extra Artikel „zu Papier bringen“ (ist diese Formulierung in Zeiten der Virtuellen Texte noch zeitgemäß :slim: ?) werde. Das Heft von Victor Labenske halte ich in diesem Zusammenhang für sehr gelungen und sowohl meine jüngeren als auch meine älteren Schüler besitzen es.

Leider gibt es von Dr. Labenske relativ wenig (für mich interessante) Noten zu erwerben, aber ich hoffe auf ein langes und kreatives Leben und darauf, dass noch einige Hefte folgen. Für Klavier solo wurden Hefte mit sakraler Musik, einige Sammlungen mit von V. Labenske arrangierten Musical- Film- und Popkompositionen und ein wenig Unterrichtsliteratur, eben die „Piano Miniatures“ und eine handvoll einzelne Stücke und kurze Suiten verlegt. Hier gibt es einen Überblick über die bisher verlegten und wenn ich mir die Homepage des Komponisten betrachte frage ich mich, wie hoch die Gehälter an amerikanischen Unis wohl sind und ob man sich davon wirklich keinen Webdesigner leisten kann. 😉

24 Stücke in allen Dur- und Molltonarten auf 28 Seiten. Auch wenn ich nicht der Meinung bin, dass ein Klavier-Lernender Stücke in allen Tonarten gespielt haben muss, scheint das ein populäres Konzept zu sein. Natürlich – Johann Sebastian Bach hat mit seinem „Wohltemperierten Klavier“ seiner Begeisterung über die harmonische Vielfalt des Instruments Ausdruck verliehen und oft sind Stücke mit vielen Vorzeichen schwer zu lesen aber sehr gut zu spielen. Vielleicht ist ein solches Heft eine pädagogisch einfache Möglichkeit, einem Schüler zu verstehen zu geben, dass nicht alle Stücke mit Kreuzen in Dur stehen und alle Stücke mit Bes in Moll.

Die meisten Stücke im Heft sind einseitig (was ich bei Anfängerliteratur sehr mag) und nur am Schluss hat man scheinbar nicht aufgepasst. Das letzte Stück hat zwei Seiten und man muss blättern. Mit dem Tausch der letzten beiden Stücke wäre das zu verhindern gewesen, aber mit einem Blick auf das Stückeverzeichnis fällt auf, dass der Komponist die Stücke nach Tonarten geordnet hat. In C-Dur steht das erste Stück, in c-Moll das zweite und dann folgt jeweils die Dur-Tonart mit je einem Kreuz mehr (in Kombination mit der Mollvariante). Bei sechs Kreuzen ist Schluss und die B-Tonarten in absteigender Vorzeichenanzahl folgen. Das macht natürlich Sinn, trotzdem mag ich es nicht, wenn man bei einem zweiseitigen Stück blättern muss.

Die Miniaturen sind vielseitig. Jedes Stück hat einen anderen Charakter und das ist ganz wunderbar. Ich habe das Gefühl, die Stücke sind kleine Etüden, denn jedes hat eine technische oder musikalische Schwierigkeit. Die Fingersätze sind gut und alle Pedalwechsel sind eingetragen, wobei ich in manchen Stücke öfter als angegeben das Pedal wechseln lasse. Bei „Out of Time“ beispielsweise taktweise, nicht zweitaktig.

In 10 Stücken (wenn ich mich nicht verzählt habe) wird mal mehr mal weniger im staccato gespielt, was mir sehr gefällt, da es für Erwachsene nicht viele interresante Stücke mit dieser Anschlagsart gibt. (Und sie auch nicht sonderlich beliebt ist…) Das Einzige, was mir nicht ganz logisch erscheint, sind die Bögen in manchen Stücken. Ich unterscheide drei verschiedene: Haltebögen, Legatobögen und Phrasenbögen. In Stücken, in denen auch staccato gespielt wird mag ich es, wenn die legato-Stellen mit einem Bogen verdeutlicht werden. Ansonsten kann ich auf Legatobögen sehr gut verzichten, da Legato (also „gebunden gespielt“) für mich die Basis guten Klavierspielens ist, und ich sehr darauf achte, dass gebunden wird wann immer es möglich ist. Lieber wären mir in Stücken Phrasenbögen, die die musikalische Gestaltung eines Stückes erleichtern. Ein Großteil der Komponisten scheint den Unterschied dieser Bögen nicht zu kennen. Oftmals sind Bögen in Stücken zu finden, von denen ich nicht weiß, was diese bedeuten sollen. Phrasenbögen sind es offensichtlich nicht da der musikalische Zusammenhang noch nicht beendet ist. Und was sollen eigentlich Legatobögen? Soll man zwischen zwei Legatobögen absetzen? Dafür sind meiner Meinung nach Pausen da. Und kommen nicht Legatobögen ursprünglich von den Streichern und kennzeichnen die Stellen, wo der Bogen gewechselt wird? Zwischen Bogenwechseln ist doch auch keine Pause. Zu diesem Thema würde ich gern mehr erfahren, gibt es Literatur? Bis ich es besser weiß stelle ich mich bezüglich des Absetzens (also einem Nicht-Binden zweier Töne) stur. Dafür sind Pausen da! Ein Phrasenende ist für mich kein Grund loszulassen und ein Zeilenende auch nicht. Anders eine Tonwiederholung. Bevor ich eine Taste erneut anschlagen kann, muss ich natürlich loslassen. Aber da sollte man von selbst drauf kommen. 😉 Seitens des Komponisten dafür einen Bogen (bzw. eine Unterbrechung dessen) zu nutzen, halte ich für eine völlige Sinnverfehlung.

Zurück zum Thema! 🙂 Ich empfehle die „Piano Miniatures“ für erwachsene Anfänger (schon nach spätestens ca. 6-12 Monaten lassen sich erste Stücke aus dem Heft spielen) und ältere Kinder. Einige Stücke sind recht melancholisch und werden nicht den Geschmack jüngerer Kinder treffen. „Tender Moment“, „Mountaintop View“, „Danza Espanola“ und „Out of Time“ sind die ersten Stücke, die ich in diesem Heft unterrichte. Alle Stücke der „Piano Miniatures“ sind formschön, harmonisch eingängig, leicht zu verstehen und auch aufgrund ihrer Kürze relativ schnell zu lernen. Manchen Stücke sind aufgrund ihres technischen Anspruchs aber nicht einfach und auch viele Vorzeichen erschweren das Lernen. Auf den abwechslungsreichen Charakter habe ich bereits hingewiesen. Ich bin sehr glücklich, dieses Heft entdeckt zu haben. Es stellt eine absolute Bereicherung in meinem und dem Notenregal meiner Schüler dar.


EDIT: Hörbeispiele (eingefügt am 2.7.2014)
Cover: © Alfred Music 2007

Happy-Go-Lucky - Sandra Labsch     

Dusk - Sandra Labsch     

Player Piano - Sandra Labsch     

Tender Moment - Sandra Labsch     

The Silent Movie - Sandra Labsch     

Trail Rider - Sandra Labsch     

Thoughtful - Sandra Labsch     

Mountaintop View - Sandra Labsch     

Eure Sandra

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3 Gedanken zu „Victor Labenske „Piano Miniatures“

  1. Julia

    Ich bin eine der Schülerinnen an der die liebe Sandra dieses Heft testet. Mit “Tender Moment” und “Out of Time” bin ich schon durch, an “Mountaintop View” sitze ich gerade dran. Alles schöne Stücke, kann ich bestätigen, wobei bei letzterem die Begleitung leise zu spielen gar nicht so einfach ist…
    Sandra, Du solltest eines Tages den Professor doch einfach in San Diego besuchen. Eine wunderschöne Stadt, ich bin dort geboren und war schon ein paar Mal da.

    Antworten
  2. Julia

    Übrigens, die Webseite von Dr. Labenske ist – gestalterisch gesehen – schon recht mager, aber er sieht doch ganz nett aus, oder?

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