Aus meinem Notenregal #2 – Hefte von J. Blake / H. Capp & Richard Krentzlin (Hrsg.)

Die beiden Hefte von Jessie Blake & Hilda Capp habe ich schon einige Jahre im Schrank stehen und es ist nicht verwunderlich, dass ich die Hefte heute mit etwas anderen Augen sehe. Bei Boosey & Hawkes sind die Titel von J. Blake & H. Capp erschienen. Neben First Grade & Second Grade Piano Pieces gibt es noch Making Music (das Heft davor) und Piano Time Grade 3 (das Heft danach). Zwei Hefte für Piano Duett sind ebenfalls erhältlich. 11,99 Euro kostet First Grade Piano Pieces (40 Seiten) und 12,95 Euro Second Grade Piano Pieces (47 Seiten). Die Cover finde ich ganz hübsch. Interessieren würde mich, wie die Hefte bei ihrem Erscheinen ausgesehen haben. Das erste Heft ist immerhin 1946 herausgekommen und das zweite erschien 1948. Ich würde mir wünschen, dass man leichter erkennt, dass es sich um (aus pädagogischer Sicht) so alte Noten handelt. Die Titel machen einen moderneren Eindruck. Über die beiden Komponistinnen habe ich nichts im Internet gefunden. Meine Anfrage (nicht nur diese) bei Boosey & Hawkes blieb unbeantwortet. Traurig. Service und Kundennähe scheint keine hohe Priorität bei diesem Verlag zu haben.

Die beiden Hefte machen nicht den Eindruck als wollten sie eine Klavierschule sein. Eine Stückesammlung wohl eher. Neben Originalkompositionen von Jessie Blake und Hilda Capp finden sich Bearbeitungen klassischer Melodien. Schade, dass dabei nicht der genaue Opus angegeben ist. Bei manchen Stücken weiß man nicht, ob es sich um ein erleichtertes Klavierstück handelt, oder nicht. Mich zumindest interessiert das. Was noch überrascht ist die Fülle an patriotischen Melodien. Ich konnte leider nicht herausbekommen, welche Nationalität die beiden Autorinnen besitzen. Sowohl die canadische als auch die britische und die amerikanische Nationalhymne sind in den Heften zu finden. Und nicht nur das. Militärische Hymnen sind dabei und die niederländische Thanksgiving Hymne. Wenn man genau das in einer leichten Bearbeitung sucht, wird man hier also fündig, ansonsten dürfte das eher uninteressant sein.

Für meinen Geschmack enthalten die Hefte zu viele Bearbeitungen. Eine Bearbeitung spielt sich in der Regel anders als ein für Klavier komponiertes Stück und ich möchte mit meinen Anfängern hauptsächlich richtige Klavierstücke spielen. Auch wenn ich mittlerweile erleichterten & bearbeiteten Klavierstücken nicht mehr so abgeneigt bin wie früher. Allerdings ist es mir wichtig, dass nicht nur ein paar Töne herausgestrichen sind sondern das Stück im Original so schwer ist, dass ein Schüler es so nie schaffen würde. Klavierarrangements sind heute viel gefragt, hauptsächlich Filmmusik oder Popsongs möchten meine Schüler spielen. Mit den Bearbeitungen klassischer Stücke wie in den Piano Pieces zu finden kann man heute kaum noch einen Schüler motivieren. Zumal es mich sehr stört, dass die Fingersätze darauf ausgelegt sind, dass man nach jedem Phrasenende absetzt. Wenn jemand so beim Singen atmen würde, würde ich auf eine Lungenfehlfunktion tippen. 😉 Ich finde das fürchterlich.

Die Originalkompositionen sind mir zum Teil zu lang für diesen Schwierigkeitsgrad. In den 40er und 50er Jahren konnte man sich wahrscheinlich noch besser auf ein Hobby wie Klavierspielen konzentrieren und hatte wohl mehr Zeit zum Üben. Heute fühlen sich Viele von zu langen Stücken überfordert.

Ich für meinen Teil kann diese Hefte nicht empfehlen. Für den deutschen Raum finde ich sie aufgrund der vielen Hymnen ungeeignet. Und die Amerikaner sind nun nicht gerade das Volk, welches ich mit dem Unterrichten der Nationalhymne ehren möchte. :paint:

Die Hefte Einführung in die Klassiker dürften bereits vor etwa 100 Jahren erschienen sein. 2000 und 2002 wurden sie vom Robert Lienau Verlag nachgedruckt, wobei inhaltlich nichts verändert wurde, der Gesamtaufbau der Hefte aber eine Überarbeitung erfahren hat. Einführung in die Klassiker ist eine Sammlung von Originalstücken und Bearbeitungen, welche von Richard Krentzlin eingerichtet und bearbeitet wurde. 31 Seiten enthält jeder Band und 12,50 Euro zahlt man dafür. Über Richard Krentzlin wurde ich im Internet auch nicht fündig, also fragte ich beim Robert Lienau Verlag an und erhielt eine sehr nette Mail von Frau Picard, die mich mit Informationen versorgte.

Richard Krentzlin wurde 1864 in Magdeburg geboren und war einer der renommiertesten Musikpädagogen seiner Zeit. 1898 ist seine dreibändige Klavierschule „Der junge Pianist“ (ebenfalls bei Robert Lienau erhältlich) erschienen und bis zu ihrem hundersten Geburtstag verkaufte sich die Schule fast eine Millionen Male. Sehr beachtlich! Um 1900 begann R. Krentzlin einen eigenen Verlag aufzubauen, den er direkt nach dem 1. Weltkrieg an den Robert Lienau Musikverlag verkaufte. Bis zu seinem Tode am 27.11.1956 war er sehr erfolgreich als Lehrer und ist dem ein oder anderen wahrscheinlich immer noch bekannt für seine (auch selbstkomponierte) Unterrichtsliteratur.

Wenn man bei www.notenbuch.de nach Richard Krentzlin sucht, findet man 55 Artikel. Das finde ich erstaunlich und kann mir kaum vorstellen, dass die Hefte heute noch erfolgreich verkauft werden. Hat sich doch die Methodik und der Musikgeschmack im Laufe der Zeit beachtlich verändert. Musikhistorisch betrachtet finde ich persönlich die Literatur aber allemal interessant.

Einführung in die Klassiker halte ich für eine gelungene und abwechslungsreiche Sammlung von hauptsächlich barocken und klassischen Stücken. Die beiden Hefte sind relativ dünn und was mir leider auffällt, dass sich sowohl das Papier (Band 1 eher gelblich, Band 2 weiß) als auch der Einbandkarton (Band 2 deutlich dicker als Band 1) deutlich unterscheiden. 22 Stücke enthält der erste und 15 der zweite Band.

Was mir fehlt sind nähere Informationen zu den Stücken. Menuett von G.F. Händel ist mir einfach zu wenig. Zumindest im Inhaltsverzeichnis würde ich mich über eine genaue Angabe freuen. Mich interessiert, ob das ein oder andere Stück gekürzt ist, aber es war mir zu aufwändig, das zu recherchieren. Und bei der Sonate Nr. 1 von Mozart handelt es sich doch wohl eher um den ersten Satz, als um die ganze Sonate.

Die Bearbeitungen gefallen mir und besonders das Andante aus der Sinfonie mit dem Paukenschlag von Joseph Haydn ist die hübscheste Bearbeitung, die ich bisher entdeckt habe. Aber manche Interpretationen sind ein wenig eigen. Staccato in einem Marsch von Bach klingt eher wie ein Schluckauf. Aber ich habe mich zu wenig mit der Interpretation von Barockmusik beschäftigt, als dass ich hierzu eine Meinung haben dürfte.

Die Pedaleintragungen kommen mir irgendwie zufällig vor und ebenso wie manche Fingersätze wirken sie altmodisch. So als ob es klanglich keinen großen Unterschied macht, ob man das Pedal benutzt oder nicht. Als ob es nur um’s Binden geht. Bei älteren Noten, wie auch hier, fällt es mir immer wieder auf, dass bei Tonwiederholungen fast immer Fingerwechsel empfohlen werden und teilweise kuriose Fingersätze notiert sind nur um nicht mit dem Daumen auf einer schwarzen Taste zu landen. Ich persönlich sehe darin keinen großen Sinn., aber natürlich freue ich mich immer über Hefte mit ausreichend und hilfreichen Fingersätzen wie auch hier der Fall.

Im ersten Bad gibt es zwei Stücke, bei denen man leider blättern muss. Ich kann einfach nicht verstehen, warum so wenige Verlage wert darauf legen. Es macht einfach keinen Spaß während des Spielens zu blättern, wenn man es durch zwei oder drei zusätzliche Seiten vermeiden kann. Dafür bin ich auch gern bereit, mehr zu zahlen. 😉

Einführung in die Klassiker stelle ich mir als ein gutes Geschenk für ältere Klavieranfänger und Fortgeschrittene vor. Die Aufmachung ist eben sehr klassisch, jüngere Klavierspieler würden bestimmt ein farbenfroheres Cover bevorzugen. Die Auswahl der Stücke ist aber sehr schön & abwechslungsreich und einige Bearbeitung habe ich so noch nicht gefunden. Das Präludium in C-Dur von J.S. Bach und Für Elise von L. v. Beethoven fehlen auch nicht. 🙂

Eure Sandra

 


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