meine Loslass-Regeln

Vor wenigen Tagen habe ich mit Lotte, die seit ein paar Monaten Klavier spielen lernt, ein Stück aus dem Alfred’s Premier Piano Course probiert. Den Mickey Mouse March!

So klingt der Mickey Mouse March in einer schwierigeren Fassung (leicht gekürzte Version aus einem koreanischen Notenheft):

Mickey Mouse March - Sandra Labsch     


Und so sieht der Anfang der Melodie aus dem Alfred’s Premier Piano Course-Heft aus. Die Melodie beginnt mit einigen Tonwiederholungen:
Mickey Mouse March 1

Tonwiederholungen sind auf dem Klavier gar nicht so einfach zu spielen, denn bevor man eine Taste noch einmal anschlagen kann, muss man sie zunächst losgelassen. Das ist logisch und hört sich leicht an. Aber bei nicht jedem klappt das so einfach, wie es sich anhört. Man muss schließlich aktiv etwas tun.

Bei Lotte hat es nicht geklappt. Die Finger klebten an den Tasten und wollten sie nicht loslassen… Lotte spielt ja auch super legato! Wenn die Lehrerin so viel Wert auf gutes Binden legt, ist Loslassen einfach ganz weit weg. 😉

Wir haben den Rhythmus mitgesprochen. Lotte wusste also, wann es weitergehen muss.  Theoretisch. Aber es hat nicht funktioniert. Auch nach mehreren Versuchen nicht. Dann kamen meine Loslass-Regeln zum Einsatz:

  1. Der sich wiederholende Ton wird auf dem letzten Pulsschlag vor dem neuen Anschlag losgelassen.
  2. Gibt es keinen Pulsschlag zwischen den beiden Tönen, spielt man den sich wiederholenden Ton im staccato.

In den Noten trage ich also staccato-Punkte bzw. Pfeile ein, die das Loslassen verdeutlichen. Diese sind natürlich etwas weniger dominant als folgende. 😉 Wird ein Ton auf einem Pulsschlag losgelassen, sagen wir „weg“ als Rhythmussilbe.
Mickey Mouse March 2

Es hat direkt beim ersten Mal funktioniert und ab dann war alles klar. Das hat mich sehr gefreut! Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Kinder diese Regeln selten brauchen. Meistens klappt es mit dem Loslassen ganz gut. Bei Erwachsenen kommen sie aber regelmäßig zur Sprache. Zum Beispiel beim Thema Liedbegleitung.

Hier eine Melodie, die jeder kennt:

Hänsel und Gretel

Tastenträume1Der Anfang von „Hänsel und Gretel“. Ganz ehrlich? Ich verwende mit meinen Schülern lieber andere Melodien als die von Volks- und Kinderliedern. Sehr schön für die Liedbegleitung mit der einfachen Kadenz eignen sich zum Beispiel die beiden Melodien von „Abendglocke“ und „Lied mit Intervallbegleitung“ aus Tastenträume Band 1 von Anne Terzibaschitsch.

Aber bleiben wir bei der Melodie von Hänsel und Gretel. Wenn diese mit einem Dreiklang am Taktanfang begleitet wird entstehen oft Probleme, denn der Dreiklang muss vor dem neuen Anschlag losgelassen werden.

Was passiert nun? Entweder wird pünktlich weitergespielt aber die rechte Hand lässt mit der linken gleichzeitig los, so dass die Melodie unterbrochen (bzw. nicht gebunden) wird.

Hänsel und Gretel Version 1 - Sandra Labsch     

Oder es wird nicht pünktlich weitergespielt, da die linke Hand nicht rechtzeitig loslässt. Wenn sie dann loslässt, lässt die rechte Hand in der Regel mit los und die Melodie wird auch hier nicht gebunden.

Hänsel und Gretel Version 2 - Sandra Labsch     

 

Eigentlich hat es so gut wie keiner meiner erwachsenen Schüler geschafft, pünktlich weiterzuspielen und die Melodie zu binden. Mit nur einer Hand loszulassen ist schwer und unlogisch, denn es wollen immer beide Hände gleichzeitig von den Tasten weg. Lässt man aber auf einem Pulsschlag los, ist das Loslassen besser kontrollierbar und es gelingt, bewußt nur eine Hand anzuheben. Ebenso verhält es sich mit dem Staccato-Anschlag, sollte es keinen Pulsschlag zwischen zwei Tönen geben.

Zurück zu Hänsel und Gretel. Hier mit Rhythmussprache, denn das „weg“ hilft sehr beim Loslassen der Begleitung.
Hänsel und Gretel

Hänsel und Gretel Version 3 - Sandra Labsch     

Das klingt besser, oder? Die Loslass-Regeln sind nicht nur bei Ton- sondern auch bei Fingerwiederholungen und großen Tonsprüngen hilfreich, eben überall, wo man nicht binden kann.

Eure Sandra

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