Klavierlehrer-Interview #5 – Andreas Hertel

AHertel Portrait_9483-optimiert-2015-01 AusschnittWo und seit wann unterrichtest Du?

Seit etwa 1994 gebe ich Klavierunterricht, teils privat (Unterrichtsraum in Wiesbaden), teils an Musikschulen (Musikschule Mainz, Verein zur Förderung von musikalischer Unterrichtung e.V. Schlangenbad).

Wen und was unterrichtest Du?

Mein besonderer Schwerpunkt als professioneller Jazzpianist liegt auf Jazz und jazzverwandter Musik (Pop/Rock, Blues, Boogie etc.) sowie auf Improvisation. Dies kann ich vom Anfängerniveau bis zum Hochschulniveau vermitteln. Doch auch Klassik unterrichte ich sehr gerne bis einschließlich Mittelstufe.

Von der Altersspanne ist alles dabei von Kindergartenkindern bis zu Erwachsenen im Rentenalter. Viele meiner Schüler sind Kinder und Jugendliche, die oft über Jahre hinweg sehr gerne zur Klavierstunde kommen und mit der Zeit ein gutes Fundament an pianistischem Können und Repertoire erwerben.

Ich lege besonders bei Anfängern Wert auf solide Grundkenntnisse (Technik, Notenlesen) – die Auswahl der Stilistik (modern oder klassisch) kann aber den Vorlieben der Schüler angepasst werden.

Ein anderer Teil der Schüler sind Erwachsene, besonders Wiedereinsteiger, die sich mit klassischer Vorerfahrung an den Jazz heranwagen möchten. Hierfür gebe ich auch ab und zu Workshops.

Ich bereite auch angehende Studenten auf Hochschul-Aufnahmeprüfungen vor, auch in Klavier-Nebenfach sowie Harmonielehre/Theorie, Gehörbildung etc.

Es haben sogar schon einige frühere Schüler die professionelle Musikerlaufbahn eingeschlagen!

Ein Schüler aus Mainz gewann den ersten Preis seiner Altersklasse (unter 16) bei Jugend jazzt 2013!

Was sind Deine wichtigsten Ziele im Unterricht?

Da ich selbst leidenschaftlich gerne aktiver Musiker bin, ist es mir auch persönlich ein Anliegen, in erster Linie die Freude am Musikmachen an meine Schüler weiter zu geben.

Ich gehe auf jeden Schüler individuell ein, um ihn entsprechend seinem Leistungsstand und seinen Neigungen und Begabungen voranzubringen.

Freude an der Musik ist sicherlich die beste Motivation, doch gilt es mit Hilfe des Lehrers auch Schwierigkeiten zu überwinden, um voranzukommen. Da ist dann auch Konsequenz gefragt.

Natürlich ist es mir sehr wichtig, den SchülerInnen die konkreten technischen Fähigkeiten zum Klavierspielen beizubringen (Technik, Notenlesen, allgemeine Musiklehre, Kenntnis verschiedener Stile). Sie sollen ein möglichst großes Repertoire an Stücken erlernen sowie die Fähigkeit bekommen, selbständig Neues zu lernen, aktiv und kreativ Musik zu machen, sei es durch Nachspielen von Noten oder durch Komponieren/Improvisieren. Auf beide Arten kann man sinnvoll, niveauvoll und vielfältig Musik machen. Effektive Übemethoden zu kennen und anzuwenden halte ich für sehr wichtig.

Jeder Schüler ist anders und für jeden bedeutet Musik etwas anderes – in der Regel ist die Zielsetzung bei den Meisten so, dass sie als gute Amateur-Musiker ein erfüllendes Hobby für ihr ganzes Leben haben. Bei den wenigsten geht es darum, eine professionelle Musikerlaufbahn anzustreben.

Sehr wichtig finde ich auch, das Zusammenspielen mit anderen als etwas Natürliches zu erleben, mit dem Spaß, den man dabei gemeinsam haben kann!

Ich wünsche mir, dass meine Schüler auch nach den Unterrichtsjahren bei mir Musik als wichtigen, erfüllenden und wohltuenden Teil Ihren Lebens begreifen und weiter ausüben – allein am Klavier spielend, mit anderen gemeinsam musizierend, als Hörer in Konzerten oder eventuell als Mitglieder in musikalischen Vereinen (z.B. Jazzclubs).

Was gefällt Dir an Deinem Beruf am meisten?

Die Abwechslung – Schüler aller Altersstufen und Fähigkeiten von kompletten Anfängern bis zu sehr Fortgeschrittenen, verschiedenste stilistische Inhalte von Klassik über Pop bis Jazz.

Die Freiheit, meine Unterrichtsinhalte selbst zu gestalten.

Die Möglichkeit, mich beruflich mit dem zu beschäftigen, was ich am Meisten mag – Musik!

Die Begegnungen mit verschiedensten Menschen, die immer spannend und abwechslungsreich sind. Man lernt viel über das Leben…

Die Bekanntschaft, Zusammenarbeit und der Austausch mit tollen KollegInnen an den Musikschulen, ganz überwiegend fabelhafte und sehr sympathische Menschen.

Unterrichtest Du ausschließlich oder hast Du noch weitere Beschäftigungsfelder?

Ja, – Jazzpianist und Komponist!

Ich bin aktiver Jazzpianist und spiele ca. 50 Konzerte im Jahr in Jazzclubs, auf Festivals, oder auch im Hintergrund bei Firmenevents oder privaten Feiern. Ich habe das Vergnügen, mit hervorragenden KollegInnen zusammen spielen zu dürfen, die national und teilweise sogar international bekannt sind. Mehr Infos dazu finden sich natürlich auf meiner Webseite www.andreashertel.de

Ich habe schon 5 CDs veröffentlicht, komplett (4) bzw. teilweise (1) mit Eigenkompositionen – die nächste ist schon in Arbeit! Zuletzt veröffentlichte ich „Only Trust Your Heart“, eine CD mit ruhigen Balladen, nur Klavier solo. Viele Leute mögen diese CD sehr und ich gebe mit dem Programm auch Konzerte!

Auch komponiere ich immer wieder Stücke für Schüler – zwei Notenbände sind sogar beim renommierten Verlag Doblinger Wien erschienen!

Tatsächlich sehe ich mich nicht in erster Linie als Lehrer, sondern als Musiker, der eben auch Unterricht gibt. Dafür profitieren meine Schüler wiederum auch von meiner künstlerischen Tätigkeit der Konzertauftritte und der Kompositionen.

Welche Hefte sind aus Deinem Unterricht nicht wegzudenken?

Natürlich meine eigenen – „Easy Going“ (Pop, Mittelstufe) und „Let’s Play Jazz!“ (Jazz, Mittelstufe).

Als Technikübungen in Pillenform „A Dozen A Day“ (mehrere Bände).

Für Anfänger „70 Tastenabenteuer“, „Tastenzauberei“, die Hal Leonard Pianoschule oder „Modern Piano Method“ von Georg Boeßner.

Für Jazzschüler natürlich die üblichen Real Books und Playalongs (Aebersold, Hal Leonard).

Dann Transkriptionen von Jazzsolisten (Charlie Parker, Bill Evans, Red Garland, Wynton Kelly, Stride-Pianisten).

Für Klassik die mittelschweren bis anspruchsvollen Stücke der großen Meister: Bach Präludien, Inventionen+Sinfonien, Wohltemperiertes Klavier, Mozart, Beethoven: kleinere Stücke, Sonatinen und Sonaten, auch das Sonatinen-Album (versch. Komponisten), Chopin-Walzer etc., Schumann, Schubert, Debussy…

Welche Kriterien hast Du an Noten?

Es muss halt zum Schüler passen….

Für Kinder ist der Erlebnisfaktor sehr wichtig, also ein paar witzige Bilder, die die Phantasie anregen und zu eigenen Klangforschungen und Erfindungen anregen. Ein guter progressiver Aufbau der Stücke von leicht nach schwer erleichtert das Vorgehen und die Schüler wissen, woran sie sind. Die notwendigen technischen Inhalte wie Notenlesen im Violin- und Bassschlüssel, Koordination und Unabhängigkeit sollten am Besten elegant und spielerisch verpackt sein. Kurze Stücke erleichtern die Einteilung und schaffen schneller motivierende Erfolgserlebnisse.

Ich ziehe aber auch immer Stücke auswendig oder halb auswendig, nach Leadsheets mit Akkordbegleitung hinzu – eine schöne Abwechslung und Spielen rein nach Gehör ist auch eine tolle Sache!

Wichtig ist mir immer, dass die Stücke einen emotionalen Gehalt haben, so dass die Schüler ein inneres Gefühl damit verbinden und ausdrücken können. Musik sollte etwas erzählen und möglichst nicht nur eine trockene Übung sein.

Bei Fortgeschrittenen und Erwachsenen gehe ich in der Regel systematischer und zielorientierter vor, doch auch hier sollten die Schüler unbedingt hinter dem Stück stehen und einen inneren Bezug dazu haben.

Wer oder was inspiriert Dich oder hat Dich geprägt?

Natürlich mein Musikstudium bei Achim Kaufmann in Mainz und alle praktischen Erfahrungen und gemeinsamen Proben, Konzerte und Übideen, die ich mit Kollegen zusammen gesammelt habe.

Aus meinem Pädagogik-Seminar habe ich die Anregung bekommen, den Schüler bei der Begrüßung immer erst mal nach dem Befinden zu fragen.

Sehr oft denke ich aber auch an meinen eigenen früheren Klavierlehrer in Tübingen zurück, der auch Komponist ist und mir neben den Klavierstücken auch Kompositionsunterricht gegeben hat. Damals habe ich nach Noten Klassik gespielt, was eine phantastische Grundlage ist! Erst später und übers autodidaktische Erlernen von Gitarre und E-Bass sowie übers Nachspielen, Raushören, Komponieren und Arrangieren von Pop- und Rocksongs kam ich zum Spielen nach Gehör und dann zum Jazz.

Schließlich prägt auch meine jahrelange Meditationspraxis (Schüler von Zen-Meister Zensho, Wiesbaden) meine Wahrnehmung und meinen Umgang mit anderen Menschen. Mir ist wichtig, jedem Menschen, und daher erst recht meinen Schülern, mit Achtsamkeit, Respekt und Mitgefühl zu begegnen. Das fördert auch die Bewusstheit der Schüler bei ihren eigenen inneren und äußeren Prozessen. Freundlichkeit macht die Situation für alle angenehmer und entspannter, aber die Autorität des Lehrers ist natürlich selbstverständlich notwendig. Als Lehrer muss ich den Masterplan haben und den Schüler richtig leiten.

Gibt es einen Themenbereich, mit dem Du Dich noch näher beschäftigen möchtest?

„Es ist des Lernens kein Ende!“ – Das klassische Repertoire pflegen und ausbauen.

Mehr eigene Stücke schreiben und Vorhandene sortieren und verbreiten.

Aktuelle Entwicklungen, vor allem im Jazz und in der Pop-Musik verfolgen.

Fällt Dir eine besonders schöne, lustige oder traurige Anekdote ein?

Einer 5jährigen Schülerin, die also bereits im Kindergarten-Alter zur Klavierstunde kam, spielte ich etwas vor und zeigte ihr, wie man das Stück lernen kann – wofür sie mich mit den schönen Worten lobte: „Hey, du bist echt eine coole Schatztruhe!“

Was würdest Du Berufsanfängern gern mit auf den Weg geben?

Auf jeden Fall der eigenen Intuition zu vertrauen und nicht nur nach Schema F zu unterrichten, das funktioniert sowieso meist nicht und macht weder den Schülern noch dem Lehrer Spaß.

Also den Mut zu haben, mal was ganz Anderes in der Begegnung mit dem Schüler passieren zu lassen, als was man vielleicht geplant hatte oder für richtig und notwendig hält.

Das weiterzugeben, was die eigenen authentischen Erfahrungen sind und die eigene Begeisterung an der Musik, nicht einfach theoretische Lehrsätze.

Die Stücke zu unterrichten, die man selber gut findet und hinter denen man steht.

Die Schüler mit Humor und liebevoller Wertschätzung zu begleiten.

Den Schülern helfen und sie darin bestärken, sich selbst durch die Musik emotional ausdrücken zu können. Sie sollten das Gefühl haben „Musik hat etwas mit mir zu tun, es gehört zu mir, Musik zu machen“. Die Schüler ermutigen, eigene Stücke zu erfinden und ihnen dazu Hilfen zu geben.

Mit den Schülern auch viel zusammenspielen.

Immer wieder dazu lernen und sich hinterfragen. Vergleichen, wie man selbst Musik macht – man spielt ja selbst auch nicht immer an der Leistungsgrenze, sondern wiederholt auch oft Repertoire-Stücke.

Abläufe im Unterricht variabel gestalten und immer weiter verbessern. Manchmal muss man „vom Ziel weggehen, um ans Ziel zu gelangen“.

In der Stunde sollte bei Kindern möglichst immer auch Zeit zum „Spielen“ sein, nicht nur zum „Arbeiten“. Bei Fortgeschrittenen und Erwachsenen gehe ich meist zielorientierter und systematischer vor, aber auch hier ist „einfach Spielen“ wichtig, z.B. in Form von Repertoirepflege/Durchspielen bereits gelernter Stücke, gemeinsamem Improvisieren oder Blattspiel (z.B. 4händig)…

Viel Geduld mitbringen!

www.andreashertel.de

Andreas Notenhefte (doblinger-musikverlag.at)

Collage Hertel

(Unter „Pädagogik“ (links im Menu) findet man Andreas Hertel als Komponist. Von dort kommt man auf seine Hefte. Bei Doblinger kann man leider nicht direkt verlinken.)
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Habt ihr Lust, Euch auf dem Klavierunterricht-Blog vorzustellen? Hier sind die Fragen als Word-Dokument: Klavierlehrer-Interview. Ich freue mich auf Euer Interview via Mail an:


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