Wie ich zum Klavierspielen gekommen bin und wie es weiterging…

Ich solle mal wieder etwas persönliches schreiben, meint mein Schatz. Gut, hier ist meine Geschichte:

Gestern Nachmittag habe ich mich durch einen Karton mit alten Fotos gewühlt. Auf der Suche nach diesem Bild ( —>) mit meiner Oma und meiner Holzweissig-Klavierschule. Oma gibt es nicht mehr, die Klavierschule schon. Diese ist auch nur unwesentlich älter als ich.

Das Bild habe ich nicht mehr gefunden, doch meine Mama hatte es vor geraumer Zeit eingescannt und konnte es mir schicken. Zwei Fragen gingen mir durch den Kopf… Warum ist das das einzige Bild von mir (als Kind) am Klavier? Und: wie konntest Du Deiner Tochter so eine Frisur antun? Kein Wunder, dass ich keine Freunde hatte. 🙄 Als ich nach dem Bild fragte, habe ich mir erzählen lassen, wie ich zum Klavierspielen gekommen bin. Ich habe tatsächlich kaum Erinnerungen an meine Kindheit.

Ganz stolz wurde mir von meiner Mutter verkündet, dass sie mit uns ihre unerfüllten Wünsche realisieren oder, besser gesagt, uns all die Dinge ermöglichen wollte, die ihr verwehrt geblieben sind. Ich sag: toll Mama, das ist der Grund, warum so viele Erwachsene beim Psychologen landen… Na – meinem Bruder und mir hat dieser musische Drill Erziehung nicht geschadet. Ich bin ja froh, dass mir Ballett erspart geblieben ist. Dass meine Mama so musikalisch war, wusste ich bisher wirklich nicht. In der Schule hatte sie Flötenunterricht, aber Klavierspielen hätte sie mehr gereizt. Zwei benachbarte Bauernhöfe besaßen Instrumente, auf denen sie ab und zu ein wenig klimpern durfte. Unterricht war nicht nur aus finanziellen Gründen unmöglich. Die Entfernung zur nächsten Stadt war einfach zu groß.

Das hatte sie mir bisher noch nicht erzählt. Nach dem Studium habe ich erfahren, dass die Großmutter meines Erzeugers auch Klavierlehrerin war. Ich dachte bis heute, dass mein musisches Interesse nur aus diesem Zweig der Familie kommt. Aber – mein angeborenes musikalisches Potenzial wurde durch meine Mama sehr positiv und nachhaltig geprägt und beeinflusst. Wir haben viel gesungen, auf einem Xylophon geklimpert und in eine Melodica geblasen.  Als wir von Schwarza nach Gera gezogen sind, hat mir meine Mama Melodien von Kinderliedern auf einem verstimmten Klavier „mit Charakter“ im Keller ihres Betriebes beigebracht. Es wurde Zeit für Klavierunterricht.

Als ich 5 Jahre alt war versuchten wir, an der Musikschule unterzukommen. Ich wurde geprüft und für gut befunden – allerdings wurden meine langen schmalen Hände und Finger als passender für die Geige eingeschätzt. Mein Wunsch, Klavier zu lernen war wohl für den Sozialismus nicht bedeutend. Mein Bruder hatte nicht so viel „Glück“. Er ist auch sehr musikalisch und hatte sich für Cello angemeldet, aber zwei Kinder aus einer parteilosen Arbeiterfamilie konnten nicht gefördert werden.

Das erste Jahr an der Violine zog sich und ich war nicht begeistert. Als die Geigenlehrerin eines Tages kurz weg musste, nutzen wir die Gelegenheit und setzten uns ans Klavier, was in der Erlaubnis, das Instrument zu wechseln endete, denn meine Lehrerin musste bei ihrer Rückkehr auch zugeben, dass ich am Klavier besser aufgehoben war. Mit Schulbeginn durfte ich also Klavier lernen, was ich die ersten drei Jahre sehr begeistert tat. Meine damalige Klavierlehrerin versuchte allerdings erfolglos, mir eine runde Fingerhaltung anzutrainieren und es war ihr ein Dorn im Auge, dass ich meine Finger immer wieder strecken wollte. Und da ihr meine Handhaltung offensichtlich wichtiger war als der Rest ihres Lehrplans wurde ich als unbegabt eingestuft und sie hörte auf, sich Mühe zu geben.

Ein Problem, was mich fast meine gesamte Klavierunterrichts-Karriere begleitete. Ab der neunten Klasse besuchte ich eine Spezialklasse für Musik an meinem Gymnasium. Ich bekam einen neuen Lehrer, der mich kurzfristig sehr inspirierte, aber nach kurzer Zeit Jungs & hübschere Mädels interessanter fand und keine große Lust hatte, sich mehr als nötig mit mir zu beschäftigen. Im letzten Schuljahr wechselte ich wieder an die Musikschule zurück (da mein Wunsch, Klavier zu studieren vorher belächelt wurde) und bekam für ein dreiviertel Jahr einen Lehrer, den ich immer noch sehr bewundere und der mir ein großes Vorbild ist. Herr Steinhöfel hat sich immer wieder an den Wochenenden Zeit genommen, mir unzählige unbezahlte Extra-Stunden gegeben, und mich auf einen Wettbewerb und das Studium vorbereitet. Es kommt mir so vor, als wäre er der einzige Lehrer in meinem Leben, der an mich geglaubt hat und ein gewisses Talent in mir sah – trotz meines Problems mit Auswendig-Spielen. Warum ich so schlecht auswendig lerne, beschäftigt mich seit Jahren und ich finde keine Antwort. Warum kann ich immer noch fließend Russisch (und gut Koreanisch) schreiben und lesen, mir aber keine Stücke merken? Warum kenne ich noch so viele Vokabeln und Sätze aber kann nicht mal ein einziges meiner Stücke auswendig spielen?

Ein „normaler“ Musiker kennt dieses Problem nicht. Stücke werden fast nebenbei auswendig gelernt. Was lag näher, mich als unbegabt und nicht fleißig genug einzustufen? Ich passte eben nicht ins Bild. Meine erste Professorin rauchte im Unterricht Kette, spielte keine einzige Taste und bezeichnete mich als „faule Schlampe“. Ich glaube, mein letzter Lehrer sah das auch nicht viel anders. Musiker sind wohl oft keine guten Pädagogen. Ich hätte gern bessere Erfahrungen gemacht.

Also, Zeit, es besser zu machen! Meine Schüler dürfen ihre Finger so halten, wie sie es wollen und ich versuche, meinen Schülern in besserer Erinnerung zu bleiben. 🙂 Bei der Gelegenheit eines großes Dankeschön an meine Eltern, die mir alles ermöglicht haben. Ihr habt nie den Glauben an mich verloren! 🙂

Eure Sandra

 


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3 Gedanken zu „Wie ich zum Klavierspielen gekommen bin und wie es weiterging…

  1. Rosy Ziegler

    Liebe Sandra,

    habe mich heute länger auf Ihrer Seite aufgehalten (weiß gar nicht mehr, wie ich draufgekommen bin …) und muss sagen, es hat mir sehr viel Spaß gemacht.
    Die Art, wie Sie schreiben, die wunderschönen Stücke, die Sie mit Ihren Hörern (oder besser gesagt Lesern) teilen, die viele Informationen, die Sie zur Verfügung stellen … wirklich große Klasse !

    Als ich nun so ein bisschen über Ihren Lebenslauf und Ihren holprigen Weg, bis ens endlich mit dem Klavierspiel geklappt hat, ließ mich doch sehr schmunzeln … ich kann das, was Sie schreiben, sehr gut nachvollziehen, habe ich doch einen ganz ähnlichen Weg beschritten (bis auf das Musikstudium, welches ich nicht habe).

    Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg bei der Erfüllung Ihres musikalischen Traums 🙂
    Liebe Grüße
    Rosy Ziegler

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  2. Heinz und Regina

    Ich wusste, das du das Potential hast und es war von klein auf dein Wunsch dieses Instrument zu spielen. Ich habe immer versucht die guten Ansätze und Wünsche meiner Kinder zu fördern. Viele Jahre später weiß ich das ich es richtig gemacht habe, auch wenn es nicht immer ein ganz leichter Weg war für Eltern und Kinder. Wenn mehr Förderung seitens der Ausbilder (Klavierlehrer) schon von Beginn an erfolgt wäre, dass Studium hätte um einiges Leichter absolviert werden können. So war es für dich ein Hinterherjagen und aufholen. Und ich glaube, das es dir sehr gut gelungen ist. Du hast für das Leben gelernt und machst es nun bei deinen Schülern besser. Ich bin Stolz auf dich. Ma

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  3. Henny

    liebe Sandra,
    Du kannst nicht nur tolles auf dem Klavier spielen, Dein bist auch eine humorvolle Erzahlerin.
    Vllt wird irgenwann Deine Stuecke auch veroeffentlich & Du schreibst entsprechende kleine Geschichten dazu…
    Bleib‘ am ball = Du bist eine grosse, gefuehlvolle Kuenstlerin.
    Freue mich immer wieder, wieder & wieder auf weiteres von Dir…
    gruess‘ Dich…Henny

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