Legato- , Phrasierungs- und Haltebögen

Dies ist eine Übersicht über die drei verschiedenen Bögen die wir nicht nur in Klavierliteratur finden. Ganz viel eigene Meinung und einiges an Erfahrung aus der Arbeit mit meinen Klavierschülern ist auch dabei. Vielleicht ist es für den ein oder anderen Lehrer eine Inspiration und für den einen oder anderen Schüler eine Hilfe.

Haltebögen

Fangen wir mit den harmlosesten Bögen an, den Haltebögen. Diese sind auch schnell erklärt. Einen Haltebogen findet man immer nur zwischen zwei (nicht mehr!) Notenköpfen gleicher Tonhöhe. Die Note rechts vom Haltebogen wird nicht erneut angeschlagen, sondern der Ton – wie der Name schon sagt – gehalten. Mit einem Haltebogen kann ich einen Notenwert darstellen, den es so als Einzelnote nicht gibt (der Wert beträgt die Summe der beiden Noten rechts und links des Haltebogens) oder ich kann eine Note über den Taktstrich hinaus halten bzw. verlängern. Haltebögen können nach oben oder nach unten „zeigen“. (Beispiel 1) Wenn ein Akkord gespielt wird, kann es sein, dass nur ein Teil der Töne gehalten wird. Jeder gehaltene Ton hat einen eigenen Bogen. (Beispiel 2)

Phrasen- bzw. Phrasierungsbögen

Ja, ich weiß, den Begriff „Phrasenbögen“ gibt es eigentlich nicht. Ich nenne sie trotzdem gern so.  Schließlich wird mit diesem Bogen ja eine Phrase angezeigt. Er geht vom ersten zum letzten Ton einer Phrase und unter diesem Bogen findet man einen sinnvolle musikalische Einheit (vergleichbar einem Satz in der Sprache). Hätte die Melodie einen Text, würde man am Phrasenende wohl ein Komma oder einen Punkt finden. Jedenfalls eine Stelle, an der man atmen könnte, ohne den Sinn zu stören.  Endet eine Phrase mit einem Ton, der gehalten wird (siehe Haltebogen) geht der Phrasenbogen immer bis zum letzten Notenkopf. Aus Phrasen kann nur eine Melodie (keine Begleitung) bestehen und meist sind das Melodien, die sich leicht singen lassen.  Ich meine, Phrasenbögen nur über Melodien gesehen zu haben, also Bögen, die nach oben gehen. Vielleicht ist das auch klaviertypisch. Geht mit einem Ton ein Phrasenbogen zu Ende, muss mit dem nächsten Ton die neue Phrase losgehen. In meiner Logik dürfte es in einem Stück mit Phrasenbögen keine Töne geben, die nicht zu einer Phrase dazugehören.

9 von 10 Schüler, die ich unterrichte sind Anfänger. Und aus diesem Grund kenne ich mich mit Anfängerliteratur, speziell (nicht klassischer) zeitgenössischer, die klassische Musiker als Unterhaltungsmusik oder Pop-Musik bezeichnen, recht gut aus. Und ich habe leider nur in einem Bruchteil der Stücke korrekte Phrasierungsbögen gesehen. Oft ist es eine Mischung aus Phrasierungs- und Legatobögen und leider ergeben viele dieser Bögen für mich gar keinen Sinn.

Also halte ich es wie folgt: Selber denken und keinem Bogen trauen! Phrasenbögen müssen nicht in einem Stück stehen. Im Barock haben Komponisten meines Wissens nach die komplette Interpretation dem Musizierenden überlassen. Erst später wurde begonnen, die Stücke mit Spielanweisungen zu versehen. In den unzähligen Heften in meinen Schränken (hauptsächlich nicht-klassischer Art) habe ich oft das Gefühl, der Komponist hat die Bögen nach dem Zufallsprinzip gesetzt. Aber wenn ich bedenke, dass ich bis vor Kurzem keine Ahnung hatte, dass eine Oktavierung nach unten mit 8vb und nicht 8va angezeigt werden muss und dass ich erst seit wenigen Jahren Rhythmus mit seinen 3 Ebenen (Tonlänge – Pulsschlag -Takt) wirklich verstehe, wundert mich nicht, dass auch viele komponierende Klavierlehrer nicht wirklich wissen, wie sie Bögen setzen sollten. Also – gibt es keine Phrasierungsbögen, heißt das nicht, dass das Stück keine Phrasen hat. Dann muss man selbst überlegen, welche Töne man zu einer Sinneinheit zusammenfassen möchte und wie man die Melodie in Folge dessen gestaltet. Mehr dazu in einem kommenden Blogpost über Melodiegestaltung.

Phrasen sind manchmal Geschmackssache. Bei dem Ausschnitt von „Wenn ich ein Vöglein wär“ könnte ich mir diese beiden Möglichkeiten vorstellen.

Beispiel 1     

Beispiel 2     

Die Eintragungen für crescendo und decrescendo können dabeistehen, müssen aber nicht. Ich habe sie notiert, um die musikalischen Folgen der beiden Möglichkeiten zu veranschaulichen. Wie man eine Phrase gestaltet, bringt ihr hoffentlich euren Schülern bei. Auch welcher Ton als Höhepunkt passt, sollte man selbst überlegen und ausprobieren.  Den Eintragungen in den Noten traue ich nur bedingt. Meine Meinung ist, dass ein Höhepunkt nur am Taktanfang stehen kann. Eine Betonung mitten im Takt macht für mich keinen Sinn. Und viele Schüler meinen, dass der höchste Ton immer der Höhepunkt ist. Das ist bestimmt oft der Fall, aber auf keinen Fall eine Regel!

Binde- oder Legatobögen

Zu Legatobögen habe ich eine sehr persönliche Meinung & Einstellung. In der russischen Klavierschule sind mir zum ersten Mal die Unmengen Bögen aufgefallen, die ich nicht nur nicht deuten konnte sondern die mich auch verwirrt und fast genervt haben. 🙄 Die Stücke kann ich so eigentlich für meinen Unterricht nicht verwenden, da ich nicht mit drei verschiedenen Artikulationsarten unterrichte wie in Russland scheinbar üblich, sondern nur mit zweien. Ich halte Legato, also gebunden zu spielen, für die Basis guten Klavierspielens. Dazu kommt kurz darauf staccato als zweite Anschlagsart. Laut der russisch-stämmigen Mutter einer Schülerin wird in Russland noch non-legato (also „nicht-gebunden“) von Anfang an unterrichtet. (Klavierschüler in Russland üben aber auch ein Vielfaches mehr und perfektionieren jeden Takt mit unzähligen Wiederholungen. Deshalb sind drei oder mehr Anschlagsarten (auch non-staccato habe ich gesehen) kein Problem. Bei Deutschen wäre ich schon froh, wenn sie vernünftig und bewusst binden könnten, wie das Beispiel unten zeigt.

Wie spielt man zwei Töne gebunden? In dem Moment, in dem man den neuen Ton anschlägt, lässt man den alten Ton los. Nicht kurz davor, nicht kurz danach – genau in dem Moment. Wenn sich die Töne kurz überlappen, spricht man von Fingerlegato oder legatissimo. Das ist meiner Meinung nach eine absolute Unart, deutlich weniger anstrengend als gutes Legato (mit dem sehr genauen Ablösen zweier Töne) und Anfänger gewöhnen sich daran schneller als ich bis Fünf zählen kann. 😉 Stücke, die nicht mit Pedal gespielt werden sind dann kaum noch möglich. Die kleinen oder größeren Überscheidungen klingen in meinen Ohren grauenhaft, besonders bei Tonschritten (Sekunden). Unbewusstes und grundloses Loslassen zwischen zwei Tönen finde ich genau schlimm.

Ein schönes Beispiel dieses kurze kostenlose Tutorial im Online-Kurs: OpenMusicSchool. „Wenn ich ein Vöglein wär“ kann man da lernen. Die Melodie beginnt mit einem 6-tönigen Motiv auf dem C und dann wird das Motiv auf dem E wiederholt. Das Motiv startet mit Tonwiederholungen und zwischen diesen kann man natürlich nicht binden. Vom dritten zum vierten Ton (Terz nach oben bzw. Takt 1 auf Takt 2) kann man das aber wieder und der Lehrer tut dies beim Motiv auf dem C, aber nicht bei der Wiederholung des Motivs auf dem E (Takt 3 auf Takt 4). Wenn er beide Motive aneinander hängt, bindet er plötzlich an der besagten Stelle. Aber er lässt zwischen den Motiven (Takt 2 auf Takt 3) los. Ist da eine Pause?  🙄

Wenn man die Melodie singt und an den Stellen atmet, an denen der Lehrer im Tutorial loslässt, klingt das meiner Meinung nach sehr bescheiden. Und ich bin auch nicht der Meinung, dass man zwischen zwei Phrasen loslassen sollte. Viele tun das vollkommen unbewusst. Ich gestalte eine Phrase und man kann hören, wenn sie zu Ende ist. Ich finde es nicht korrekt, dies mit Loslassen zu verdeutlichen. Wenn ich nicht regelmäßig atmen müsste, würde ich meinen Text auch nicht mit Atmen unterbrechen. Am Ende eines Satzes gehe ich mit der Stimme hoch oder runter. Ich hole nicht nach jedem Satz automatisch und hörbar Luft. Möchte ich als Komponist, dass nach einer Phrase losgelassen wird, muss ich eine Pause notieren. Loslassen ohne Pause halte ich für falsch.

Schlechtes Klavierspielen ist für mich unbewusstes Loslassen und/oder Finderlegato. Und so wird es aber leider oft unterrichtet.  Viele meiner Schüler, die vorher bei anderen Lehrern waren hören bei mir zum ersten Mal von Legato. Sie spielen meistens irgendwie und vollkommen unbewusst.

Hier der Anfang von „Wenn ich ein Vöglein wär“ (wie es im Tutorial ca ab 0.55  zu hören ist) anschaulicher als Notenbild mit Legatobögen:

Original:

Tutorial:

meine Interpretation:

Ich bringe meinen Schülern bei, dass sie alles binden müssen, was zu binden geht. Ganz bewusst. Loslassen muss man trotzdem oft genug. Bei Ton- und Fingerwiederholungen. Oder wenn man einen zu großen Sprung spielen muss. Auch zwischen Zweiklängen oder Akkorden kann man in der Regel nicht binden.

Legatobögen machen für mich eigentlich nur in Stücken wirklich Sinn, in denen regelmäßig im Staccato gespielt wird. Um Legato und Staccato optisch voneinander zu trennen und die Anschlagsarten zu verdeutlichen. Ansonsten ist für mich Legato Pflicht. Auch – um es noch einmal zu erwähnen – zwischen Phrasen und am Zeilenende.

In amerikanischen Noten findet man normalerweise Phrasenbögen und in Stücken, in denen sich Legato und Staccato abwechseln, werden die gebundenen Stellen mit Legatobögen versehen. Phrasenbögen könnten theoretisch immer noch darüber notiert werden, aber meist wird darauf verzichtet. Ich habe das Gefühl, dass der amerikanische Unterricht ebenfalls mit diesen beiden Anschlagsarten auskommt. Non legato bzw. bewusstes Trennen von Tönen aus musikalischen Gründen unterrichte ich erst in barocken Stücken. Und bis dahin ist genug Zeit, Legato und Staccato zu üben. 😉

Und nachdem ich heute morgen den Artikel fertig getippt habe, nutze ich gerade noch die Gelegenheit und befragte eine liebe Klavierschülerin die Geigerin ist, wie es bei den Streichern mit Binden und Loslassen gehandhabt wird. Und wie ich es auch noch dunkel von meinem Geigenunterricht in Erinnerung hatte bestätigte sie mir, dass zwischen Bögen (die in der Regel anzeigen, wann der Bogen gewechselt werden soll) nicht abgesetzt werden darf. Dafür sind die Pausen da und ein kleiner Strich zwischen den Bögen, welcher vergleichbar ist mit einem Atemzeichen bei den Sängern oder Bläsern.

Ich habe fast das Gefühl, dass dieses unbewusste oder gut gemeinte Absetzen zwischen Phrasen, Takten und Zeilen eine Art Krankheit bei Pianisten ist (das Pedal oder der Hall wird’s schon richten…) und ich wette, dass bei Melodieinstrumenten sehr viel mehr Wert auf Legato gelegt wird… 🙁

 

Eure Sandra

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2 Gedanken zu „Legato- , Phrasierungs- und Haltebögen

  1. Musikalische Tigermama

    Liebe Sandra,
    aus der „Bläsersicht“ muss ich widersprechen. Ganz wichtig bei uns Bläsern (ich spiele neben Klavier auch Querflöte) ist der „Zungenstoß“ (düdüdü, bzw. ausgereift als Doppelzungenstoß – dügüdü, bzw. mit allen möglichen Varianten, die die Geschwindigkeit erhöhen). „Non-Legato“ wird mit der Zunge angestoßen, bei Legato dagegen wird der Atemstrom nicht unterbrochen. Die „normale“ Artikulationsart ist der Zungenstoß. Ich wage zu behaupten, dass nur wenige (vielleicht auch kein einziger) Bläser bei „Wenn ich ein Vöglein wär“ darauf käme, zwischen „wär“ und „und“ nicht zu stoßen.
    Interessant jedoch finde ich deine Ansicht schon. Werde das selbst einmal ausprobieren! Übrigens bin ich auf deine Seite gestoßen, weil ich gerade die Erfahrung gemacht habe, dass es meinem Sohn beim Erlernen des Legatos half, den ersten Ton liegen zu lassen. Ich stimme dir zu, dass es furchtbar klingt, wenn das zur Gewohnheit wird. Ihm hat es aber geholfen, den ersten Ton überhaupt bis zum Anschlag des zweiten auszuhalten. Das Überlappen der Töne hat er sich nie angewöhnt, es war nur eine Art Brückenschlag zum Legato.
    Viele Grüße von der Tigermama

    Antworten
    1. Sandra Beitragsautor

      Vielen Dank für Deinen lieben Kommentar, Tigermama!
      Und für den Gedanken bezüglich Legato-Spiel bei Deinem Sohnemann!

      Wenn es beim Klavierspielen nur die eine Wahrheit gäbe. Ich bin noch dabei, zu entdecken und für mich die logischsten Schlüsse zu ziehen. Jeder scheint es so ein bisschen anders zu machen. Vielleicht ist es bei den Bläsern tatsächlich eindeutig.

      Ich freue mich sehr, dass Du meinen Blog entdeckt hast!
      Liebe Grüße,
      Sandra

      Antworten

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